Hundegeschichten






Nachruf an meinen Hundefreund

Lieber Rushdie,

heute ist Sonntag, der 15. Juni 08. und du magst dich wundern über den so langen Aufschub meines Nachrufs an dich. Wir Menschen nennen Trauerarbeit für das allmähliche Loslassen von einem geliebten, einst verbundenen Wesen. Erst trocknen die Trauertränen, dann gibt man sich der schönen Erinnerung hin, und irgendwann kommt die Kraft aus der Trauer, um Empfinden in Worte fassen zu können. Das tue ich hier nun, vor allem, weil mein Nachruf an dich, am Anfang der Hundegeschichten stehen soll, die ich in den dreizehn Jahren unseres Zusammenlebens über dich schrieb. - Teils las ich sie dir damals schon vor.

Hatte lieben Besuch von meiner Freundin in Seelenverwandtschaft, Lilia, die ihr Chihuhua -Hundepärchen namens Peanut und Smarty mitbrachte. Die beiden waren sofort mit mir einverstanden und signalisierten mir ihre Liebe mit den " Kleinen Zungenküssen ", die ich von dir auch gewöhnt war. Lilia erstaunte das, weil ihre Hunde noch nie zu einem Fremden so schnell Vertrauen gefasst hätten. Lilia führte das auf meine " Ausstrahlung " zurück. Kann von mir jedoch nicht vorstellen, dass ich eine solche habe. Doch hörte ich das gelegentlich auch von anderer Seite. Vielleicht war es eben aber diese verwunderliche, die uns dreizehn Jahre lang symbiotisch zusammenleben ließ.

Seit zweieinhalb Jahren bist du tot, und ich begrub dich damals unterhalb meines Schlafzimmerfensters, damit du immer so nah wie möglich bei mir sein könntest. Dein Ess-und Trinkgeschirr stellte ich nach deiner Beerdigung auf dein Grab, genauso, wie du es letztmals benutztest. Aus Juramarmor machte ich dir eine Gedenktafel mit deinem Namen, angenommenem Geburtstag und Todestag darauf. Viele meiner Trauertränen benetzten dein Grab.

Manch ein Mensch würde sagen: " war doch nur ein Hund ", doch die können nicht nachfühlen, welch echter Lebenskamerad du für mich warst. Als ich dich aus dem Tierheim erlöste, sahen wir uns in die Augen. Das taten wir dreizehn Jahre lang - bis die deinen brachen.

Als heute die beiden Hundchen an deinem Grab rochen, während ihr Frauchen Lilia neben mir stand, wurde mir bewusst, dass ich meine Erlebnisse mit dir nicht eher niederschreiben und vollenden könnte, als ich nicht vorher meinen, diesen Nachruf an dich vollendet hätte.

Nachdem mich Lilia samt Hundpärchen verlassen hatte, fühlte ich mich stark veranlasst, diesen nunmehr fertig zu stellen. Sollst wissen: Lilia ist eine Freundin, die etwas anders ist als meine vorherigen, und die mir deshalb neue Lebenssicht ermöglicht. - Mehr brauche ich dir nicht dazu zu sagen, weil das allein Menschenempfinden anbetrifft.

Weißt du noch, als ich dich zwischen Weihnachten und Neujahr 1994-95 aus dem Tierheim Hildesheim abholte? Der Pfleger führte mir viele deiner Mitleidensgenossen vor - keiner von denen gefiel mir. Als letzte Möglichkeit führte er mich zu dir. Da duckte sich ein Nachfahre der Wölfe völlig verängstigt. Aber deine Augen begegneten den meinen. Da war mein Entschluss gefasst, dich mit mir zu nehmen und deine vergewaltigte Hundeseele möglichst zu heilen. Das gelang mir dann auch überwiegend, doch ein Rest von Angst blieb in dir. Aber wenn dich Deinesgleichen angriffen, erwachten deine Urinstinkte zur zähnefletschenden und zurückbeissenden Abwehr. Sicher hättest du mich genauso verteidigt, doch dazu kam es glücklicher Weise nie. Weißt du noch, als eine riesige Deutsche Dogge über dich herfiel? Du lagst unter ihr und deine Reißzähne schlitzten ihr Bauchfell.

Lieber Rushdie, du hast mich begleitet mit dem sicheren Instinkt eines Tiers. Wir fuhren gemeinsam tausende Kilometer in unserem Reisemobil. Du standest neben mir unter dem Steuer und lugtest mit mir auf die vorüber gleitenden Landschaften. Erinnerst du dich noch an die Fahrt gen Süditalien, als ein Unwetter über uns hereinbrach und mitten während der Fahrt ein Batteriekurzschluß knallte? Da sprangst du mit deinen 47 Kilo Lebendgewicht unter die Enge meines Lenkrads und auf meinen Schoß dazwischen - wie ein verängstigtes Kind.

Anfangs richtete ich dir einen Zwinger ein, doch dessen Eisendrähte versuchtest du zu durchbeißen. Du zerkratztest Türen und versuchtest mit deinen Zähnen und Tatzen sie zu öffnen. Du warst in meiner Wohnung allein und angeleint, zerfetztest meine Gardinen, Kunstwerke und alles andere Erreichbare in deiner Nähe, weil du angebunden warst. Zu spät erkannte ich, dass all dein Tun nur das einzige Ziel hatte, zu mir gelangen und bei mir sein zu wollen.

Als Junger sprangst du vor mir her, als Alter trottetest du hinter mir her und ich musste Pausen einlegen, um auf dich zu warten. Dann wurdest du müder. Erinnerst du dich noch an den Winter 2005, als ich im Keller vor dem Heizofen saß und den mit Holzscheiten fütterte? Da kamst du ganz leise von hinten und bohrtest deine Schnauze zwischen meinem Oberarm hindurch. Dann kamen das große Streicheln meinerseits und das Danklecken deinerseits. In meinem Verhalten dir gegenüber beging ich Fehler aus Letztnichterkenntnis deiner Wolfsseele. War mir nie so ganz bewusst, wie bedingungslos ein Hund am erkannten Alpha hängen kann. So war mir deine Unterwürfigkeit genauso unangenehm, wie manchmal die bestimmter Mitmenschen ebenso. Und du warst so schön. In farblicher Ausgestaltung, wie auch hinsichtlich Körperbau. Hattest ein breites Schädeldach - wobei ich die schmaleren weniger schätze - ein löwenmähniges Halsfell und eine für jegliche Auskämmung unbeherrschbare Behaarung. Du warst für mich das Beste, was aus Wolf jemals domestiziert und gezüchtet werden konnte. Als Welpe gerietst du an ein Menschenweib, das dich dermaßen für den Ausgleich ihrer Machtansprüche alternativierte, dass deine junge Seele dadurch verbogen wurde. Dass du eines Tags dem entflohst und herumstreuntest, rettete dich vor der endgültigen Zerstörung deiner Seele. Dass es sich um eine Frau als deine Vorbesitzerin handelte, ergab sich schlicht aus deinem Verhalten gegenüber Menschenweibern. Deine Reaktionen in bestimmten Situationen, ließen jeweils darauf schließen, mit welch laienhaften Erziehungsmethoden die dich brechen wollte. So wurde die nie ein anerkannter Alpha für dich, was die Voraussetzung für vertrauensvolles Zusammenleben zwischen Hund und Mensch ist. Dass du aus dieser zwänglichen Lage ausbrachst, zeigt die ursprüngliche Stärke und den Adel deiner Geburt, was nirgendwo dokumentiert ist, umsomehr aber in meinem emphatischen Empfinden.

Termine zum Tierarzt mit dir waren oft nötig, einerseits aus Vorsorge, andererseits wegen akuter Beschwerden. Immer wenn das fällig war, kamst du ohne Leine mit mir in den Warteraum, was die Angeleinten und deren Besitzer bewunderten. Folgtest mir auf dem Fuß bis ins Behandlungszimmer und sprangst selbst auf den Untersuchungstisch.

Du wirst keinen Nachfolger haben, der dich und dein gesamtes Wesen für mich ersetzen könnte. Außerdem will ich mich nicht mehr der Aufzucht und Erziehung eines Junghunds hingeben, vor allem nicht vor ihm wegzusterben. Stattdessen bereite ich mich besser auf meinen eigenen Tod vor.

Eines schlechten Tags hörte ich kein Bellen mehr von dir, und auch deinen vollen Fressnapf hattest du nicht angerührt. Du lagst auf deiner Lieblingsstelle hinten beim Kompost unter dem Dach meiner Arbeitsecke auf den alten Kohlesäcken, die ich dir als Lager bereitet hatte. Du warst apathisch und sahst mich aus traurigen Augen an. Streichelte dich, wusste keinen Rat und wartete auf Morgen. Jedoch schlich sich in mir eine Ahnung hoch. Könntest du über die Nacht schon gestorben sein? Nein!, denn als ich nächstmorgens in unseren Garten kam, lagst du ganz vorn zwischen unseren Kräutern, um näher bei mir zu sein. Schob deine Schüsseln dicht vor dich, doch du rührtest sie nicht an. Deswegen machte ich einen Termin beim Tierarzt aus, um deinen Zustand beurteilen zu lassen. Als unsere Abfahrt dahin akut war, rief ich dich, du sprangst auf und liefst freudig in Richtung unserer allgemeinen Spaziergänge. Davon musste ich dich umleiten in unser Wohnmobil vorhergehender, froher Gemeinsamkeit. Die Stufen darein konntest du nicht mehr springen wie einstmals, sondern ich musste dich hineinheben. So fuhr ich mit dir zum Tierdoktor nach Isernhagen. Während der Fahrt lagst du neben mir, wie bei all unseren langen Reisefahrten zuvor. Angekommen hob ich dich raus und du folgtest mir zur Untersuchung. Die ergab mittels Abhörung und Röntgenbild eine allgemeine Altersschwäche bezüglich fortgeschrittener Herz-Lungen-Insuffizienz. Daraufhin stellten sich die Alternativen, entweder mit Arzneimittelchen dein Leben für nur einige Tage zu verlängern, oder es gnädig zu beenden. Für letztere entschied ich mich unter explosivem Tränenausbruch, den ich letztmals nur so intensiv hatte nach dem Tod meiner Mutter.

Da lagst du noch auf dem Tisch des Röntgengeräts. Hinten präparierte eine Tierärztin deine Hinterlaufschlagader für den letzten Einstich zum Tod. Deine Lebensbluttropfen quollen daraus dunkel hervor. Du wandtest deinen Kopf dahin wie beschwerend, weil Einstich schmerzhaft, legtest ihn zurück unter meine dich streichelnden Hände, die damit erst nachließen, als die Ärztin sagte: "Lassen Sie das, es ist vorbei".

Die Tierärztin und ihre Assistentin trugen deinen toten Körper in das Fahrzeug unserer nun vergangenen Gemeinsamkeit, weil ich nicht mehr dazu fähig war und wegen meiner Tränenschauer kaum noch etwas sehen konnte. So fuhr ich mit dir nach Haus und ließ dich über Nacht in unserem Wohnmobil liegen. Entschloss mich dann aber, an der Kulturpreisverleihung des Freundeskreises Hannover teilzunehmen, was mich vom ersten, tiefsten Schmerz irgendwie ablenkte. Das war gut so.

Für den darauffolgenden Tag hatte ich meinen polnischen Mitarbeiter gebeten, mir dein Grab auszuheben, um dich bestatten zu können. Während der das tat, ging ich zu deiner Leiche. Deine Sonnenaugen waren eingefallen und ich schnitt dir die Ohrspitze ab, die eingeschlitzt war von einer Kampfnarbe deinerseits von Irgendwem, dessen Geschichte sich mir nie eröffnete. Gern hätte ich sie erfahren, doch mir blieb nur das Streicheln deines eingerissenen Ohrs, dessen Haut so zart, dessen Behaarung so samtig, und trotzdem mit irgendwelchen Muskeln bestückt, die sie jederzeit bewegen konnten in Richtung Feinhörigkeit. Du kennst mein japanisches Netsuke mit den neun ineinander verkneulten Junghunden, fein geschnitzt in Rosenholz. Darüber flocht ich deine abgeschnittene Ohrspitze ein, was mein liebster und vorzüglich getragener Halsschmuck ist - wertvoller als jeglicher Goldschmuck und eitles Menschengeschwätz.

Musste mir das erstmal von der Seele schreiben, um deine Geschichte in die meine einfügen zu können, in Form einer schriftlichen Hinterlassenschaft. Wie wären du wie ich vergessen, hätte ich nicht die Möglichkeit, die schriftstellerische Tastatur zu bedienen. Insofern kann ich dich verewigen, und damit eventuelle Nachleser zu Selbstreflexion, Spiritualität und mehr Sozialverbindlichkeit zu veranlassen, was denen, ihnen und allen Ichs, das zu beachten, sicher keineswegs schaden würde.

Auf deine Tierweise mit der Psyche eines domestizierten Wolfs, warst du mir treuer als manch ein Mensch, der die synonymischen Begriffe "Thöle" oder "Köter" für alles missbraucht, was ihm niedriger erscheint.

Aber Rushdie, meine und unsere Naturwundergöttin ist lieber und weiser als vor Aton und nach Sokrates. Was nützen philosophische Terminologie und deren für Laien Unverständlichkeit, gegenüber der nach Philosophia (Liebe zur Weisheit) Lechzenden? Ganz abgesehen von der Theologie, die nur existieren kann, indem sie uns permanent Gottglauben zu oktroyieren versucht. Beides eine Schwäche der längst nicht aufgeklärten Menschheit, die noch in dauernder Angst lebt. Erst wenn die ohne imaginären Glauben an Sonstwas auskommt, könnte man sie aufgeklärt nennen. Für einen Sterbenden ist es natürlich schwer, sich mit der Endgültigkeit des eigenen Todes abzufinden und den als ewige Metamorphose (Goethe) zu deuten. Alle Materie setzt sich aus den Grundstoffen (Elementen) zusammen, aus denen alles entsteht und wieder verwandelt wird - in unendlicher Folge - wie du bereits und ich folgend.

Doch was störts dich und mich? Du hast deine Ruhe gefunden aus der Unrast, den Schmerzen und den Unwägbarkeiten des Lebens. Ich muss noch darauf warten.


Rushdie, ich muss noch erstaunt erwähnen: Gestern, am 18.Juni hatte ich den Nachruf an dich vollendet. In der Nacht zum 19. träumte ich, fast logischer Weise, folgenden Traum:

Über deinem Grab musste aus irgendwelchen Gründen ein Loch ausgehoben werden. Als ich in das hineinsah, erblickte ich im Nebenschacht, tiefer liegend, deinen Leichnam. Dein Fell war weitgehend erhalten. Vor allem im Bereich deiner Hinterschenkel, deren Behaarung wie noch lebend glänzte. Ich starrte darauf verwundert. Schließlich schwollen sie an wie lebendig und bewegten sich auch, als wenn du mir damit noch etwas sagen, oder wieder aufstehen wolltest. Panisch schüttete ich das Loch wieder zu, und der Traum war zu Ende.

In Liebe, dein Mensch



Ein Hundeleben

Vorwort

Hohnest ist Tierfreund und Pantheist. Er beobachtete seine Tierfreunde und erhorchte sich ihre Äusserungsart, ohne letztlich in ihr Verständnis eindringen zu können. So hatte er die Idee und erträumte Vorstellung, in eins der Tiere hineinzuschlüpfen, um mittels dessen Sinne die Menschenwelt zu betrachten und beurteilen zu können.

Die Büffeljäger in der Prärie des Mittleren Westens Nordamerikas, zogen sich das frisch abgehäutete und noch warme Fell eines Büffels über, um nächtens nicht zu frieren.

Ähnlich weitergedacht stellte sich der Schreiber vor, auch in das Hirn eines Tieres eindringen zu können, um aus dessen perspektivischer Sicht - und Sinnweise, - eben differenziert von der menschlichen - Menschenhandeln und darauf Tierreaktion miteinander abzugleichen.

Was also lag da näher, als sich zu diesem Zweck des Habits seines geliebten Hundes zu bedienen. Wenn auch hier folgend nur rein hypothetisch, doch auch aus der Sicht eines Verliebten, eines Tiernarren, Satirikers und Zynikers zugleich, der meint, nur so Aufmerksamkeit im Dschungel der verniedlichenden Medienlandschaft zu erreichen, um vor allem zu versuchen, die reale Welt der Tiere den Kindern näher bringen zu können, deren Erziehung einen Bruch erleiden dürfte, falls sie vom Erfassen des Tierwesens ausgeschlossen blieben.

Hier geht es folgend also um ein Hundeleben, berichtet vom Hund selbst, mit Hilfe einiger Einmischungen und Kommentare seines Menschenfreunds.




Bruder Wolf - Das vergessene Versprechen
von
Jim Brandenburg

Seit Sonne und Mond das Licht machen, kenne ich dich. Ich habe dich aus dem einst riesigen, undurchdringlichen Wald beobachtet. Ich war Zeuge, wie du Feuer und merkwürdige Dinge erfandest. Von Bergkämmen aus sah ich dich jagen und beneidete dich um deine Beute. Ich habe die Reste deiner Mahlzeiten gegessen und du die meinen.

Ich habe deine Lieder gehört und deine tanzenden Schatten um helle Feuer gesehen. Zu einer Zeit, die so weit zurückliegt, dass ich mich kaum erinnere, schlossen sich euch einige von uns an und saßen mit am Feuer. Wir wurden Mitglieder eurer Rudel, jagten mit euch, beschützten eure Welpen, halfen euch, fürchteten euch, liebten euch.

Wir haben eine lange Zeit miteinander verbracht. Wir waren uns sehr ähnlich. Daher haben euch die Zahmen adoptiert. Ich weiß, dass einige unter euch mich, den Wilden, respektierten. Ich bin ein guter Jäger. Auch ich habe euch respektiert. Ihr wart gute Jäger. Ich habe euch beobachtet, wie ihr zusammen mit den Zahmen im Rudel gejagt und Fleisch erbeutet habt.

Damals herrschte kein Mangel. Damals gab es nur wenige von euch. Damals waren die Wälder groß. In der Nacht heulten wir zu den Zahmen. Einige kamen zurück, um mit uns zu jagen. Einige fraßen wir, denn sie waren uns sehr fremd geworden. So ging es eine lange Zeit.

Es war eine gute Zeit. Manchmal habe ich dich bestohlen, so wie du mich. Erinnerst du dich, als du hungertest, der Schnee tief lag, und du das Fleisch gegessen hast, das wir getötet hatten? Es war ein Spiel. Es war eine Schuld. Manche mögen es ein Versprechen nennen.

Wie viele der Zahmen, sind uns die meisten von euch sehr fremd geworden. Jetzt erkenne ich einige der Zahmen nicht mehr. Jetzt erkenne ich einige von euch nicht mehr. Einst waren wir so ähnlich. Du hast auch das Fleisch zahm gemacht. Als ich damit anfing, die zahmes Fleisch zu jagen, hast du mich gejagt. Ich verstehe das nicht. Ich sah, dass deine Rudel größer wurden und gegeneinander kämpften. Ich habe deine großen Schlachten beobachtet. Ich tat mich gütlich an denen, die liegen blieben. Da jagtest du mich noch mehr. Ich verstehe das nicht. Sie waren Fleisch. Du hast sie getötet.

Wir Wilden sind nicht mehr viele. Du hast die Wälder klein gemacht. Du hast viele von uns getötet. Aber ich jage noch und füttere unsere versteckten Welpen. Das werde ich immer tun. Ich frage mich, ob die Zahmen, die mit dir leben, eine gute Wahl getroffen haben. Sie haben den Geist verloren, in der Wildnis zu leben. Sie sind zahlreich, aber sie sind fremd. Wir sind wenige. Noch immer beobachte ich dich, daher kann ich dich meiden.

Ich glaube, ich kenne dich nicht mehr.



Ein Hundeleben

Geboren wurde ich von meiner Mutter Aladine von der Wolf aus Zell. Wie das nun hier bei den Menschen mit uns Hunden üblich ist - bei einem Züchter. Meine Mutter warf mich mit zwei Brüdern und drei Schwestern. Ich kam als Erster und deshalb liebte mich meine Mutter wohl besonders. Sie sorgte dafür, dass immer eine Zitze für mich frei war und sie beleckte mich öfter als meine Geschwister. Mein Vater befand sich etwas abseits in einem Zwinger. Meine Mutter Aladine war das Resultat aus zahmen Wolf und Schäferhund - daher "von der Wolf" und dieser Rüde hieß Zell vom See - deshalb "aus Zell".

Übrigens, ich heiße Rushdie of Salman - mein Mensch taufte mich so. Wisst Ihr weshalb? Im Fremdenhundeheim sagten die alle Rasti zu mir. Das war meinem Alten zu flach. Also erfand er einen Namen für mich. Der kam von einem sehr mutigen Schriftsteller, auf den der Islam deshalb ein Kopfgeld von einer Million Dollar ausgesetzt hatte, für den, der ihn töten würde. Der hatte nämlich zu sehr die Wahrheit über die Fundamentalisten gesagt. Dieser tolle Mann heißt Salman Rushdie. Ihm zu Ehren gab mir mein Alpha also obigen Namen.

Mein Vater war ein kapitaler Bursche und schon sieben Jahre alt. In jeder Beziehung ein Vater, auf den ich stolz sein kann. Er - wie meine Mutter - waren Alphas. Mir prophezeite man auch solch eine Entwicklung. Vom Wolf erkennt man an meiner Psyche und dem Äußeren noch allerhand. Ich sehe aus wie ein richtiger Deutscher Schäferhund. Eine dichte, pechschwarze Decke liegt auf meinem Rücken. Meine Maske ist so gut gezeichnet, dass fremde Menschen, die mich sehen, in Begeisterungsäußerungen verfallen. Aber das macht mich nicht hoffärtig, sondern ich freue mich zwar darüber, doch ich will bescheiden bleiben. - Bis aufs Fressen!

Kurz nachdem ich geboren war, bemerkte ich bald, dass meine schöne, starke und intelligente Mutter auf einem Auge blind war. Dieses eine erschien mir weißlich in der Iris, während ihr sehendes Auge blau auf mich strahlte. Mit diesem guten Auge blickte sie auf mich, mit dem anderen, blinden, auf das Weitere ihres Wurfs.

Ich, als mütterlich erwählter Alpharüde, wurde mit neun Lebensmonaten an eine alleinlebende Menschenfrau verscherbelt. Die wollte mir Gutes tun, indem sie mich nach menschlichen Regeln "umbrechen" wollte. Ledig jeder Ahnung von der Wolfspsyche - noch weniger ihrer eigenen - völlig kreatürlich-lieblos, strafte sie mich immer dann, wenn meine hündische Liebeserwartung eines unterwürfigen Betas vom vermeintlichen aber ersehnten Alpha mit "Erziehungsmitteln" beaufschlagt war.

Erziehungsmittel deren Menschenkinder sich kaum entziehen können, deshalb mit Aggression reagieren. Wenig Liebe - mehr Strafe!

Nie leckte sie mich zärtlich mit ihrer Hand, wie meine Mutter mit ihrer liebfeuchten Zunge. Schließlich kroch ich vor einer Angst auf dem Bauch, suchend nach einem Erkenner meiner Wolfespein im Menschheitsgedränge. Alles gegen meine Wolfsnatur.

Doch nach einem besonders qualvollen Tage trollte ich mich einfach davon; ging streunen, wie die Menschen das nennen. - Und das war schön.

So soff ich aus Regenwasserpfützen und sprudelnden Bächen und fraß, was mir die Natur so bot. Da war ich wieder ein freier Wolf und hatte mein urinabgepisstes Revier. Die Menschen mit ihren verlogenen Ausdünstungen mied ich, um mich mehr den Witterungsorganen meiner breiten, schwarzen Nase zu widmen, die mich nie betrogen hatten, galt es Lug und Trug, wahrheitlich zu erschnüffeln.




Ich und mein Herrchen beim Kegeln

Da reden einige Hausfrauen überdurchschnittlich verdienender Männer über ihre Einkaufspraktiken. Der Mann der einen hat - das lässt sie, vermeintlich versteckt, doch überdeutlich einfließen - in den USA ein Flugzeug eingekauft. Das erzählte Herrchen auch. Und also beim letzten Kegeln redete diese Frau mit der goldenen Rolex und dem Mann mit Flugzeug zu den anderen Frauen über den günstigsten Einkauf. Das Gemüse wäre dort um einen Groschen billiger und die Leberwurst bei Hirsemann pro 100 Gramm acht Pfennig günstiger, als bei Bruschlat.

Da hätte Herrchen zu der Dame gesagt: "Ach, da kann man wieder sehen, wie hart solch ein Hausfrauenlos ist. Täglich die Existenzberechtigung nachweisen, und wenn es nur ums Pfennigsparen geht. Letztendlich kann sich der Mann fürs Ersparte dann eine neue Cessna kaufen."

Herrchen flüsterte mir dann zu, dass er die Leberwurst von Hirsemann nicht mal mir zu fressen geben würde. Und er erklärte mir dann auch die psychologischen Zusammenhänge der überaus eifrigen Betulichkeit solcher Hausfrauen. Nämlich, dass sie oft frustriert wären, wegen ihres Loses im Allgemeinen, und den Problemen mit ihren Männern im Besonderen. So meinte er, wenn sie heiß seien, käme der Hund nicht und liefe statt dessen hinter anderen Heißen her, und anstelle sie mal zu streicheln, machten sie das jeden Sonnabend mit ihrem Auto oder Flugzeug. Und so bräuchten ihre Gattinnen immer Dinge über die sie ganz wichtig reden könnten, um ihren Sexfrust zu verschleiern und gleichzeitig zu kompensieren.




Von Äpfeln, Bällen, Bellen und Kriegen

Nun tollte ich mit meinem Herrchen im Garten und bin ganz außer Atem.

Da hob er so was Rundes, Grünes auf und sagte, das wäre ein Apfel: gesund und lecker. Ich machte es ihm nach, musste es aber gleich wieder ausspucken. So was nennt der lecker! Da grabe ich mir doch lieber das Stück Rinderpansen aus, welches ich mir vor einigen Tagen eingebuddelt habe. Herrchen sagt, es stinke. Mir aber läuft regelrecht der Appetit aus den Lefzen. Und dann kam der Abend im Wohnzimmer. Ich legte mich mit meinem Bauch auf Herrchens Füße. Da kamen wir auf das Thema Ball. Er sagte, der Apfel ist rund und der Ball ist es ebenfalls. Und die Menschen hängen am Runden, weil wir auf einem Ball leben, einem Planeten oder so was mitten im All, sagt Herrchen. Dieses All scheint mir unerfassbar groß zu sein, - und gibt es dort überall Bäume zum Anpinkeln? Gibt es da noch andere "Alle" oder gar " Alleen " ? Da fragte ich ihn treuen Blicks, ob das was mit unserem Ballen zu tun hätte. Nein, sagte er, das heißt bellen, was ihr tut. Das käme aus dem Englischen: "The bell is ringing" - " die Glocke läutet ".

Nun sag mir bloß einer, was eine Hundeschnauze mit einer Glocke gemein hat und unser "ballen" mit läuten? Aber das mit dem Ball interessierte mich nun doch, weil manchmal auf diesem bunten Bild aus so einem Kasten,. - das leider überhaupt nicht riecht - 22 Menschen immer dagegen treten und "Tor" bellen, - nein schreien.

Er blickte in meine Augen und sagte: Ein Tor ist ein dummer Mensch. Das Tor ist ein Feindbild, in das sie immer reintreten müssen und das Ganze nennen sie dann Fußball. Also das Runde ist ihnen gefügig wie eine Kanonenkugel und mit ihren Füßen treten sie gern, aber nur auf andere. Da gab's einen Dichter und Spötter, Joachim Ringelnatz, der schrieb das Gedicht "Fußball". Er fragte mich, ob er es mir mal vorlesen solle, ich müsste jedoch aufpassen, dass ich mich vor lauter Vergnügen nicht tot bellen solle.

Ja, sagte ich - und er begann:


Fußball

von Joachim Ringelnatz

Der Fußballwahn ist eine Krankheit,
aber selten, Gott sei Dank.
Ich kenne wen, der litt akut
an Fußballwahn und Fußballwut.
Sowie er einen Gegenstand
In Kugelform und ähnlich fand,
so trat er zu und stieß mit Kraft
ihn in die bunte Nachbarschaft.
Ob es ein Schwalbennest, ein Tiegel,
ein Käse, Globus oder Igel,
ein Krug, ein Schmuckwerk am Altar,
ein Kegelball, ein Kissen war,
und wem der Gegenstand gehörte,
das war etwas, was ihn nicht störte.
Bald trieb er eine Schweineblase,
bald steife Hüte durch die Straße.
Dann wieder mit geübtem Schwung
stieß er den Fuß in Pferdedung.
Mit Schwamm und Seife trieb er Sport.
Die Lampenkuppel brach sofort.
Das Nachtgeschirr flog zielbewusst
der Tante Berta an die Brust.
Kein Abwehrmittel wollte nützen,
nicht Stacheldraht in Stiefelspitzen,
noch Puffer außen angebracht.
Er siegte immer, 0 zu 8.
Und übte weiter frisch, fromm, frei
mit Totenkopf und Straußenei.
Erschreckt durch seine wilden Stöße,
gab man ihm nie Kartoffelklöße.
Selbst vor dem Podex und den Brüsten
der Frau ergriff ihn ein Gelüsten,
was er jedoch als Mann von Stand
aus Höflichkeit meist überwand.
Dagegen gab ein Schwartenmagen
dem Fleischer Anlass zum Verklagen.
Was beim Gemüsemarkt geschah,
kommt einer Schlacht bei Leipzig nah.
Da schwirrten Äpfel, Apfelsinen
durchs Publikum wie wilde Bienen.
Da sah man Blutorangen, Zwetschgen
an blassen Wangen sich zerquetschen.
Das Eigelb überzog die Leiber,
ein Fischkorb platzte unter Weiber.
Kartoffeln spritzten und Zitronen.
Man duckte sich vor den Melonen.
Dem Krautkopf folgten Kürbisschüsse.
Dann donnerten die Kokosnüsse.
Genug! Als alles dies getan,
griff unser Held zum Größenwahn.
Schon schäkernd mit der U-Bootsmine
besann er sich auf die Lawine.
Doch als pompöser Fußballstößer
Fand er die Erde noch viel größer.
Er rang mit mancherlei Problemen.
Zunächst: Wie soll man Anlauf nehmen?
Dann schiffte er von dem Balkon
sich ein in einen Luftballon.
Und blieb von da an in der Luft.
Verschollen. Hat sich selbst verpufft. -
Ich warne euch, ihr Brüder Jahns,
vor dem Gebrauch des Fußballwahns!


Weißt du... das ist so eine Art Krieg, wie wenn zwei Rudel von euch um eine Rehrippe oder Alphawölfin kämpfen. Und Krieg kommt von kriegen - haben wollen. Und davon kriegen wir die Schnauze nicht voll genug. Du weißt doch, dass Blut gut riecht. Der Unterschied ist, dass ihr Krieg macht, wenn ihr Hunger habt. Wir Menschen machen den aus Mordsappetitlust. Weil nun aber so ein blutiger Krieg nicht dauernd zu haben ist, erfanden wir gewisse Sportarten wie Fußball, Schießen oder Boxen. So richtig sensationell ist das, wenn es Verletzte und Tote gibt und die gibt es dabei immer. Damit füllen wir dann die Leerräume zwischen unseren Kriegen und die Medien damit ihre Sommerlöcher.

Und wenn mich mein O - Wolf so ansieht, und ansieht, und lange ansieht, und nicht aufhört damit, dann gucke ich natürlich zurück. Auge in Auge, solange er will und ganz erwartungsvoll. Neulich saßen wir in der schönen Sommersonne und da war es so ähnlich. Was kam dabei heraus von meinem Alpha? Ein Gedicht mit dem Titel: "Deiner Augen Sonnenspiegel". Ich hatte ihn also dazu angeregt und als er es mir vorgelesen hatte, musste ich feststellen, dass er es auf Menschen umgemünzt hatte. Mir genügt das aber, denn ebenso kann ich das auf mich beziehen.


Hier sage ich euch das mal vor:

Deiner Augen Sonnenspiegel
reflektier'n das Sonnenlicht,
und Dein' Seele offenbart sich,
will mich vermähl'n mit dieser Sicht.

Deiner Augen Sonnenspiegel
strahlen hell, wenn ich bei Dir,
und so woll'n wir herzlich paaren,
uns're Augen alle vier.

Deiner Augen Sonnenspiegel
sind mir eine glücklich' Kund,
was sie mir nicht sagen können,
erfahre ich durch Deinen Mund.

Deiner Augen Sonnenspiegel
sind nun gebrochen alle Zeit,
sehnlich will ich ihnen folgen,
wenn es ist die rechte Zeit.

Deiner Augen Sonnenspiegel
sollen uns Erinn'rung sein,
wenn seelenschwebend wir uns wiegen,
mitternachts im Mondenschein.


Also ich finde das gut. Vor allem, weil ich ihn dazu angeregt habe.

Da sitzt er nun wieder an seinem Arbeitstisch, liest die Tageszeitung und vergisst mich. Aber dann stoße ich meine Schnauze unter seinem Arm hindurch bis auf seinen Schoß, belecke seine Hände, damit er sich mir zuwendet.

Neulich waren wir wieder in der Stadt und somit mitten im Volksgewühl. Er lässt mich auch da völlig frei laufen, was ich ganz toll finde. Nur muss ich die Gerüche der anderen Hunde natürlich verfolgen und so schnüffele ich mich oft ganz versunken an irgendeiner Ecke fest. Hab' ich mich dann satt gerochen, ist Herrchen weg. Das ist dann immer furchtbar doof, weil ich ihn in dieser Menschenmenge suchen muss. Ganz hoch recke ich mich dann mit meinem Kopf und nehme Witterung auf. Das ist aber wegen der Tausenden von Gerüchen, die um mich herumwabern, kaum möglich. Und sehen kann ich ihn schon erst recht nicht. Was aber höre ich dann? Ein Mauspfeifen! Das isser! Und nix wie hin. Dann freue ich mich jedes Mal enorm.

Wir beide amüsieren uns sehr oft königlich über die anderen Menschen. Weshalb? Na, da sagen die dann. "der arme Hund sucht sein Herrchen." Oder: "Sieh' mal, der ist weggelaufen." Besser noch: "Oh, der arme Hund hat gar kein Herrchen mehr." Ich grinse mir dann eins, dass mir nur so die Lefzen flattern. Manchmal strecke ich denen auch ganz lang meine Zunge raus. Vor allem, wenn die so einen Leinenzerrköter bei sich haben.

Mein Alter schreibt dies hier ja für mich. Genau nach meinem Diktat. Ohne seinen eigenen Senf. Das habe ich mir bei seinen heilen Fingern ausbedungen. Eben, als ich den "Leinenzerrköter" prägte, musste er sich über meine hündische Wortschöpfung fast totlachen.




Hundekamerad

Es ist schon schlimm zu erleben, wie wenig Menschen mit einem Hundekameraden richtig umgehen können. Mir erging es mit meinem ersten Menschen auch fürchterlich. Der wollte mich erziehen und hatte keine Ahnung davon. Stattdessen bekam ich immer Prügel und wusste gar nicht wofür. So gern hätte ich dem vertraut, und ihn als Alpha anerkannt. Aber bevor er mich endgültig hinrichten konnte, bin ich einfach abgehauen. Wochenlang streunte ich herum. War ganz schön. Fast richtig wölfisch.

Eines Tages sah ich aus der Ferne ein älteres Menschenpaar in Richtung meiner versteckten Sappe kommen, das etwas bei sich trug, welches schon aus der Ferne nach Fresslichem roch.

Natürlich war ich längst vorher entflohen, bevor sie an meiner Lagerstätte angekommen waren. Dafür hatte ich zu viele schlechte Erfahrungen gemacht.

Doch bei meiner Rückkehr, zwischen Sonnenuntergang und Mondaufgang, roch ich Gutes und fraß es. So ging das eine ganze Zeit und ich begann, meine vorherige Pein langsam zu vergessen.

Eines Abends fraß ich wieder den ausgelegten Schmaus. Danach wurde mir ganz schwummerig im Kopf und wacklig auf den Pfoten. Da verkroch ich mich unter einem großen Busch.

Später erzählte mir mein Mensch, dass ein Tierdoktor "Betäubika" oder sowas in das Schmausefutter gemischt hatte, weil es nicht angehen durfte, dass ein herrenloser Hund frei streunen durfte. Dabei hätte ich noch Glück gehabt, weil Jäger wildernde Hund abschießen dürften.

Als ich in solch einem Gitterkasten, den die Menschen Zwinger nennen, erwachte, roch ich Menschendunst und einen Schwall fremder Tiergerüche. Um mich herum kläfften meine Schwestern und Brüder mannigfaltiger Zucht in allen Tonlagen. Alles Gefangene hinter Gittern, - wie nun auch ich.

Lange war ich da aber nicht, weil mein Herrchen mich zwischen Weihnachten und Neujahr 1994 - 95 dort abholte. Und das war Liebe auf den ersten Blick zwischen uns beiden. Der war dann ganz lieb zu mir. Und alles, was ich jetzt kann, hab ich gelernt, weil er was von der Canis lupus-Psyche versteht. Nun ist er also mein Alpha, und ich bin ihm völlig ergeben, weil ich das so richtig finde, und das bei den Wölfen nämlich genauso ist. Aber schreiben muss er natürlich für mich! - Der schreibt sowieso so viel, da kommt es auf dies bisschen auch nicht mehr an.




Zeitungsleser

Mein Herrchen schimpft montags immer über die Zeitung. Weil die dann besonders dünn ist, mit dem doppelten Gewicht an Werbebeilagen gespickt, - Gespicktes mag ich aber besonders - und neun Seiten mit Sportberichten für die, die sowieso keinen treiben, und die restlichen drei Seiten befriedigen ihn nicht. Und dann sagt er, guck Dir das an: Es ist doch ein Beweis für meine Kriegs-Ersatz-Theorie, wenn Du Dir die Gesichter der Sportler anschaust. Völlig verzerrt in Wut, Enttäuschung, Sieg oder Niederlage - manchmal Freude. So wie Ihr Eure Lefzen hochzieht und die Zähne zeigt, so machen wir das genauso. Nur bei euch weiß man gleich, was gemeint ist - bei den Menschen nicht. Da kannst du nicht wissen, ob er Dir gleich an den Schlund geht, ob er sich freut - über dich oder über sich - oder seine bösen Gedanken hinter angeblichem Lachen verbirgt. Manchmal einfach aus Höflichkeit.




18.05.1998, Bad König

Ein erinnerlicher Traum

Wie ich vor dem Einschlafen versuche, mir schöne Gedanken aus dem ganzen Wust dieser hervorzukramen, so hatte ich wohl einen von diesen an meinem geliebten Hund Rushdie festgemacht.

Wir waren Spazieren. Der, der mir fortwährend anhänglich folgte und auch wenn er mal irgendwo schnüffelte oder auch eine Hündin unwiderstehlich fand, jedoch auf leisesten Pfiff sofort zurückkam, war weg. Kein Zuruf half. Ich ging zurück und sah ihn, abgewandt von mir, in einer Seitenstraße stehen. Auf meinen Anruf hin sprang er nicht fröhlich wie sonst auf mich zu, sondern blieb stehen und wandte nur - wie in Zeitlupe - langsam seinen Kopf zu mir um, ohne seine Stellung zu verändern. Langsam ging ich auf ihn zu - er rührte sich nicht. Bei ihm angekommen, fiel er plötzlich um. Zum Aufstehen konnte ich ihn nicht bewegen, obwohl er mich ansah. Ich versuchte ihn aufzurichten, doch er fiel immer wieder hin. Schließlich drehte ich mich herum, fasste rückwärts seine Vorderpfoten, nahm ihn hoch und wollte ihn wie eine Schubkarre hinter mir herziehen. Er fiel hinter mir auf die Seite. Ich ließ los, drehte mich um und er lag da wie schlafend. Ich ging vor ihm in die Knie. Ich hob seinen Kopf zu mir. Er öffnete seine Augen zu den meinen und schloss sie wieder. Ein leichtes Beben vibrierte durch seinen Körper, dann war er still. - Tot! - Sicher hatte ihn jemand vergiftet.

Im Wachschlaf, der der Traumphase folgt, wand ich mich verzweifelt. Was machst du mit Deinem toten Freund? Brichst Du sofort die Kur ab und fährst nach Haus oder trägst Du ihn hier bergauf auf den Odenwaldhügel, der über das Königstal blickt, in dem wir unsere letzten gemeinsamen Tage verbrachten - begräbst ihn dort? Tief in der kühlen Feuchte des Waldeshumus, ein Bett aus trockenem Laub, seinen Kopf nach Norden zur Heimat gewandt, ein Zupolster mit frischen Laubzweigen und getarntem Hügel aus Windbruch. - Benetzt von meinen - nicht letzten - Tränen.

Das Erwachen erbrachte mir Glück. - Verfluchter Gaukeltraum! - Noch lebte mein Freund. - Noch! - Wer von uns beiden zuerst?

Was spielt sich ab im "träumenden Hirn"? Man sagt: "unverarbeitete Erlebnisse und gehabte Bilder." Mir ist erinnerlich, vor kurzem einen sterbenden Dackel begleitet zu haben, der von einem Auto angefahren wurde. Hilflos umringten ihn die Besitzerkinder und schrien nach einem Tierarzt. Unter Röcheln enttropfte seinem Mund dunkles Venenblut; seine Zunge wurde blauer. - Ein kleiner, letzter Atemzug und er war im ewigen Jagdgrund aller dort endlich glücklichen Hunde. - In der Urgemeinschaft kluger Wolfsrudel; weitab von der züchterischen Eitelkeit ihrer Pseudoalphas.

Jegliche Bewegungen und Reaktionen meines Hundes weiß ich überwiegend zu deuten. Natürlich habe ich auch Angst davor, dass einer der vielen entarteten Menschen ihm tödlich sein könnte; sei�s auch ein "Jäger", der berechtigt scheint, einen frei laufenden Hund abschießen zu dürfen. - Schösse er sich selbst ab, hätte die Natur ihren Frieden und ihre Natürlichkeit.

Doch dieser Traumvorgang, letztlich nicht mit Worten zu beschreibenden Bildersequenz von der Paralyse bis zum Sterben, das hat der "Traum" auf erschütternd deutliche Weise "hinzuempfunden". - Was also ist Traum? Darf ich vermuten: "Bindeglied zwischen Form der Mater und ihrer Metaphysik?"

Rushdie schläft jetzt neben mir. Ein Hund kann nur schlafen, wenn er seine Umgebung als vertrauenswürdig empfindet; die Gleichgesinntheit ohne Heimtücke - wie im Wolfsbau.

Deshalb weiß ich es zu schätzen, wenn er mit geschlossenen Augen an meiner Seite ruht. Im Traum zucken seine Läufe. Laute, die ich aus seinem Wachsein nicht kenne, entringen sich seiner träumenden Seele. Mir scheint, er erlebt Qualvolles seiner Vorerziehung nach, oder er ist auf der Hatz glücklicher Jagd. - Wenn ich ihn im Schlaf beobachte - wie er tief atmet und stöhnt - so unterscheidet sich das nicht von menschlichen Äußerungen in gleicher Situation.

Und wenn er erwacht, suchen seine blanken, wachen Augen die meinen, den Befehl des Alphas oder das nächste Fressen erwartend. Nicht nur natürliche Unterwürfigkeit, sondern auch Seele empfinde ich. Manche sagen, er wäre mein Schatten, mein Philosophenfreund sagt, er wäre meine Seele oder wir zwei eine. Doch was diese betrifft: Funktion des Gehirns oder Verbindung zum Metaphysischen? Oder beides in einem?

Das Reinlichkeitsverhalten eines Hundes bezüglich Lösung ist im Instinktverhalten der Wölfe zu suchen. Auf dieser Basis ist er hier leicht zu erziehen. Stellte man sich vor, dass jeder Wolf im Bau sein Geschäft erledigen würde, müsste alle paar Tage ein neuer gesucht werden. Also wird das bereits bei den Welpen abgestraft. Diese Verhaltensregel sitzt dann sehr tief; wie sowieso die totale Ergebenheit unter die Alphaeltern.

So passiert es dann: Während des Abendspaziergangs fraß Rushdie hartes Gras. Das tun die Hunde, wenn sie sich im Verdauungstrakt nicht wohl fühlen und benutzen das als Brechmittel.

Dies vergessend entließ ich ihn in seinen Bau; "unseren" Wohnwagen, und begab mich ins Hotelzimmer zur Ruhe. Am folgenden Morgen öffnete ich die Schiebetür und irgendwas klemmte. Die Jalousie war heruntergerissen. Der Teppich war voller Erbrochenem; einschließlich des Grasknäuels. Er war nicht zu sehen und traute sich nicht aus der allerhintersten Ecke; Strafe erwartend. Und ich schreckte adrenalinisch, er läge tot - hilflos gestorben.

Von den meisten Hundebesitzern hätte er verbal oder nonverbal Schläge bekommen.

Die Nacht musste ein furchtbarer, vergeblicher Kampf stattgefunden haben. Durch die halb offenstehenden Vorderfenster hatte er versucht, ins Freie zu gelangen. Das erkannte ich an den Spuren auf den Glasscheiben. Im Erkennen dessen, umgab ich ihn mit liebevoller Tröstung. Ohne Spuren in seiner Hundeseele zu hinterlassen war somit der Fall für uns beide erledigt und ich konnte nun die lange geplante Reinigung des Wagens beginnen. Die Alujalousie hatte mich schon immer als Geräuschkulisse geärgert. Nun hängen dort elegante Vorhänge.




Impressionen

Am Vorfluterteich beobachtete er seinen Hund, der eine seichte Uferstelle gefunden hatte, um genauso seicht das Wasser beschreiten zu können, ohne gleich schwimmen zu müssen, was ihm Vorerlebnisse von Menschenerziehungsbrauchtum wohl vermiest hatte. Immer mit Lust bis zum Bauch, doch möglichst nicht den Grund zu verlieren. Die trinkende Schnauze voll dem Wasserspiegel zugewandt und nach den selbst erzeugten Wellchen laut schnappend, was ihn jedes Mal besonders lustig erregte bei dem Gedanken, was ihn wohl dazu reizend trieb.

Schwer wassertriefend das Fell gesättigt, begab er sich aus der Schwebhaftigkeit des Wassers zurück auf das Land der Schwere. Dies empfindend, befreite ihn der Schüttelreflex vom Übermaß des an ihm hängenden Elements. Während sein Alpha Camus "Der Fremde" lesend auf einer Bank der sonst Berauschten und Unartikulierten saß, gesellte er sich ihm in Wartestellung. Er hielt vom Lesen inne, gerade, als sonnengereizt Camus Held, den zweiten Schuss auf den erstschusstoten Algerier abgab, und besah sich seinen Hund. Eine bedenkenswerte Erscheinung im nachlassenden Schein des zu Ende gehenden Sommertags. Ein gezüchteter Hund mit den deutlichen Merkmalen eines Wolfes, dessen breite, schwarze Nase kaltfeucht vibrierend ein natürliches Lebensempfinden in sich aufsog. Ein Lebensempfinden, das Menschlichkeit weit hinter sich zu lassen schien: Ungeniert an den Spuren einer heißen Hündin sich vergessend; notorisch die Duftmarken angeblicher Underdogs zu übersprühen in seinem imaginären Herrschaftsbereich.

Er war ein schöner Hund und viele sagten das, ohne seinen Charakter zu kennen. Der war mindestens so schön. Sein Gesicht war so prägnant, wie es sich Wölfe untereinander immer gewünscht haben könnten: auch in der Dunkelheit der Nacht war seine Maske nicht nur leicht zu identifizieren, sondern konnte Zutrauen erwecken.

Ein König wie selten unter Tieren, und ein König, wie Menschen ihn gern gehabt hätten. Ein ursprünglich "wildes" Tier hat sich domestizieren lassen. Über viele Kreuzungen kommt es schließlich zu Dir und legt seinen Kopf in Deine streichelnde Hand. Mehr noch: es versucht gar, Deine Unberechenbarkeiten zu verstehen. Sahst Du seine Augen, wenn sie Angst ausdrückten? Sieh in die Augen eines Tieres und Du erkennst Angst. Schau in dieselben, wenn Du ihm Gutes tust und Du erkennst Zutrauen und gar Liebe. Absolut nicht anders verhält es sich im Zwischenmenschlichen.

Und Rushdie winselt, weil er etwas möchte oder vermisst. Da steht zu erwarten der Beginn zur Jagd. Der Befehl zur Unternehmung. Er beginnt zu hecheln, um seinen Körper darauf vorzubereiten. Er schüttelt die Ohren, um sie vom Schnee der Nacht und vom Hörhindernden zu befreien. Er spitzt seine feinfellig bewachsenen Horchsensoren um - verbunden mit seinen anderen Feinsinnen - im Reich seinesgleichen forschen zu gehen.




Die drei Herzen

Neuerdings ist er auf die Idee gekommen, mir zielgerichtet ein Stück hartgefrorenes Rinderherz vorzuwerfen. Irgendwie dünkt mir, dass das eine gewisse Verzögerungstaktik darstellt. Nämlich: Manchmal will er sich davonschleichen, um allein fortzufahren. Dann lässt er mich im Garten allein.

Irgendwie empfinde ich seine Taktik mit dem gefrorenen Herz doch auch rücksichtsvoll und überlegt. Denn er geht davon aus, dass meine Urvorfahren im Winter auch nur gefrorenes Luder und Aas vorfanden. Und so weiß er auch genau, dass ich das gefrorene Herz nur langsam, Faser für Faser, mittels meines Fangs, heißem Rachen und warm schleckender Zunge, vertilgen kann. So lenkt er mich ab, um stiekum verschwinden zu können. - Ein Stück zarten, hinlänglich stinkenden, Rinderpansens verschlinge ich nämlich in nullkommanix. Wenn er sich dann fortgeschlichen hat - möglichst leise - glaubt er, mich überlistet zu haben. Doch längst stehe ich hinter der Hoftür und rieche seinen langsam entschwindenden Duft.

Nachdem ich mich mit seiner lieben Betrügerei abgefunden habe und er weg ist, inspiziere ich erst mal mein Gartenreich. Schnüffle hier und da, buddle zwischen seinen Pflanzen und setze meine Herrschaftsurinmarken. Dann habe ich die Wahl zwischen drei kuscheligen Bauen, in denen ich, wachsam-schlafend-zeitunbewusst seiner Rückkehr entgegenträume. Der eine befindet sich auf seiner Terrasse unter einem Überbau, den er mit einem antiquarischen Kohlensack auslegte. Den anderen erreiche ich über seinen romantisch - verkräuterten, ehemaligen Tierauslauf, in dessen hinterster Ecke sich der ausgediente Stall befindet. Der, jetzt eingestapelt mit Kaminholz, immerhin noch ein Plätzchen mit altem Heu aufweist, auf dem sich wohlig sein lässt. Der alte Geruch von Eselin "Horstine", Eber "Arnold", Zwerghühnern edelster Klasse, einer Familie Zwergziegen, wie einer gleichen von Hängebauchschweinen,- die zweimal lustige Ferkel geworfen hatten- nicht zu vergessen das Pferd "Hugo" und die muntere Schar von Kanarien, die eines nachts von Ratten hingeschlachtet wurden, hängt für mich wohlnachriechend in seinem ehemaligen Tierliebreich." Alles weg", sagt er zu mir. Er müsse sich nun anderen, wichtigeren Obliegenheiten zuwenden in Anbetracht seiner restlichen Lebenszeit. Schreiben will er! Hat mir kürzlich ins Ohr geflüstert, dass ich nun die Konzentration seiner Tierliebe darstelle, vor allem, weil ich so intelligent und königlich-schön sei. - Ich war ein völlig kaputter Köter, doch der hat mich stark gestreichelt. Wir lieben uns nun und können voneinander nicht mehr lassen.

Mein langgestrecktes Geheul im Mondlicht, das meinen Wolfsvorfahren verkünden soll, dass unsere Domestizierung, manchmal auch im Zusammenleben mit Menschen, glückliche Früchte tragen kann. Der ist die eine, ich die andere.

Der ist immer noch nicht da, so gehe über die Brücke seines Feuchtbiotops ganz nach hinten zum Ende des Grundstücks. Dort befindet sich ein Komposthaufen, der so mannigfaltige Gerüche ausströmt. Da löse ich mich am liebsten. Meine Köttel schaufelt er dann darauf, damit er nicht in sie hineintrete. Unter dem Dach seiner Arbeitsecke liegen Gerätschaften und Materialien, auch ein Haufen Braunkohlebriketts und auch hier wieder altes Heu. Eigentlich ist das mein allerliebster Platz, weil ich dort rundherum geschützt bin und doch nach vorn wittern kann und alles Mitgetier beobachten. Wenn dieser alte Streuner dann endlich nach Hause kommt, findet eine fulminante Begrüßung statt. Ich springe an ihm hoch, - er kann das leider nicht - ich umschwänzele ihn, - das kann er natürlich auch nicht -. Er spricht zu mir und krault mich inbrünstig. Dann bin ich so glücklich, wie es ein Mensch wohl nicht sein kann. Da sind nicht nur zwei Seelen vereint, sondern auch drei Herzen:

Meines, seines und das einstmals gefrorene in meinem Bauch.




Ein Intermezzo

Meist bringt mich der Alte abends in den Keller, damit die Nachbarrudel nachts durch mein Anschlagen nicht gestört werden können. Er berichtete mir auch von vereinzelt wütenden Protesten dieser und dass er Angst davor hätte, dass ein Entarteter und Hundehasser einen vergifteten Köder über den Zaun werfen könnte. Den würde ich dann wohl gern verschlingen, ohne einen blassen Schimmer von dessen Wirkung zu haben. Ganz vertraulich flüsterte er mir in mein rechtes, von einem vormaligen Kampf angeschlitztes Ohr, dass er mich so lange wie möglich an seiner Seite haben möchte und sich gar nicht vorstellen könne, wie er ohne mich leben sollte. Bin jetzt sieben Jahre und er hofft auf weitere sieben. Es wäre ihm unvorstellbar, mich nicht mehr um sich zu haben zu können. Mein geliebter Grauer ist nun schon 70 Jahre alt und diese gewissen Jahresunterschiede zwischen uns, geben ihm zu denken. Er meint immer: "wer von uns beiden zuerst?" Stürbe ich vor ihm, wäre in seinem Leben eine unfüllbare Lücke, die er durch einen Nachfolger auch nicht mehr schließen wolle. Stürbe er vor mir, hätte er Sorge um mein Wohlergehen im Alter. Und da ich seine Gedanken lesen kann, sagen die im heimlichsten Grund, dass, wenn er durch Schicksals Fügung und Ausweglosigkeit Hand an sich selbst legen würde, mich zuvor mitnähme.

Dieser Bedenkende scheint nicht zu wissen, dass der Regelkreis von Werden und Vergehen auch für den Übrigbleibenden einen Trost bereithält. Ehrlich gesagt und wahrscheinlich, werde ich zuerst in die Jagdgründe meiner Vorfahren eingehen. Doch da macht der sich schon wieder Sorge darum, wie er mich am besten in Erinnerung behalten könnte. Unter seinem Schlafzimmerfenster begraben? Mir gar das Fell abziehen und gerben lassen, damit er mich so weiter streicheln und mir zureden kann; nämlich gleich rechts neben seiner Bettstatt, die mal für eine Menschenfähe gedacht war. Besser noch meinen Schädel präparieren lassen, in dessen Hirnraum so viel Gegenseitigkeit, Seele und Liebe blühte? Oder meinen prächtigen Fang, mit dem ich seine Feinde ihm vom Leib hielt?

Selbst unserem Tierarzt diese Beweglichkeiten vorgetragen, knickte der ein. Er wusste nur was von Abdeckern und Abdeckereien, er könne mich aber - hätte ich keine ansteckende Krankheit gehabt - ganz offiziell in unserem Garten begraben.

Mein von ihm so geliebtes Seinswesen als gedörrtes Futterschrot unter die Kadaver von anderen Tiergenossen gemischt und eventuell gar an Kühe verfüttert zu wissen, ist ihm eine verzweiflungswürdige Vorstellung. Wozu kann ich ihm raten? Soll er meine Leiche nach Indianerbrauch in die Astgabelung eines seiner Bäume hängen zwecks Mumifizierung? Oder am Hang des Odenwaldes so beerdigen, wie er es anlässlich seines vorherigen, damaligen Traums bereits beschrieb? Oder eine heimliche Feuerbestattung weitab der Wahrnehmungsmöglichkeit der permanent Sensationslüsternen? Aber wo und wie? Am Tage sähen sie den Rauch, bei Nacht die Flammen. Allerdings sähe er letztere Lösung als die ihm liebste.

Wie kann ich ihm nur helfen - behilflich sein? Ich glaube zu wissen, dass es ihm einfach darum geht, irgendwas von mir nach meinem Tod noch anfühlen oder ansehen zu können. Denke mal, das ist typisch für diese mit Bewusstsein Beaufschlagten. Meinen Vorfahren war so was egal. Die jagten die Alten einfach fort, damit sie irgendwo im Dickicht in Ruhe verenden konnten - oder töteten sie und fraßen sie auf.

Der wird mich niemals weder einfach fortschicken noch auffressen, weil er mich liebt. Das merke ich jeden Tag, wenn er morgens mich erst einmal ausgiebig streichelt und klopft und mich dann mit Pansenstücken, Rinderherz, gedörrter Haut - zum Zähneputzen wie er sagt - und leckerem Trockenfutter versorgt.

Und was seine Liebe zu Fauna und Flora anbetrifft, das erkenne ich an seinem Umgang mit ihr. Fast sein ganzes Grundstück gestaltete er als möglichst natürliches Biotop. So ahne ich, was derart Liebe sein kann und empfinde sie, indem ich gelernt habe zu Lachen. Nicht Menschenlachen, sondern mehr so ein Hundegrinsen mittels meiner Lefzen, Zähne und Verhaltensweise. Der versteht und sieht das und amüsiert sich glücklich - verstehend darüber.

Nur wenn ich auf dem Hof meinen Bellkoller -subjektunbezogen- kriege, wird er ärgerlich, weil dass die Nachbarn zu sehr stören könnte. Das gleiche ich dann damit aus, indem ich nach Insekten schnappe mit einer Intensität, dass er mein Gebiss noch hinter verschlossener Tür klappen hört. Da sind mir Wespen, Bienen und Hummeln gleichsam willkommen, wie hakenschlagende Libellen oder harmlose Obstfliegen. Er und ich fragen uns, woher denn dieser obsessive Jagddrang herrühren könne. Futterneid oder stach mich irgendwann mal eine Hornisse in meine Nase? Besonders, wenn ich hinter Libellen herjage und dabei in sein Feuchtbiotop springe, dessen Dekoration ich damit durcheinander bringe, wird er ungehalten.

Im Keller hat er mir ein gepolstertes Schlafbett bereitet - ohne den Trunk zu vergessen. Wobei es einfach nur darum geht, mein lauthalsiges Verteidigungsgebell vor den Nachbarn zu isolieren. Doch morgens, wenn er öffnet, um mich zu begrüßen und mit Futter zu beglücken, ist meine Eingesperrtheit schnell vergessen. Dann reiche ich ihm meine linke Pfote, die er nimmt und krault, dann auch meine rechte. Schließlich springe ich an ihm hoch, er umfasst meine beiden Vorderpfoten mit seiner Linken und streichelt meinen Kopf mit seiner Rechten. Er bestaunt das Wunder meiner schönen Behaarung und schätzt es als das wahre Gold der Natur. Die genetische Laune ließ mir im Fell der linken Schädeldecke eine Haarinsel wachsen, die hervorsticht wie "Des Teufels drei goldene Haare" im Märchen. Neben der Scharte in meinem rechten Lauscher ein deutliches Erkennungssignal. Den Vielen meiner verzüchteten Artgenossen mangelt es an diesen, deshalb wird denen ein Tattoo eingestochen zwecks Wiederauffindungsmöglichkeit. Ich laufe ohne Halsband und andere Zwänglichkeiten herum. Sehe ich auch gar nicht ein, weshalb ich ein solches tragen müsste; nur damit eine Steuermarke daran baumeln kann die ich gar nicht habe? Als mittelalter Rüde hab ich eine Halskrause entwickelt, die zu schön und mächtig ist, um von einem "Halsband" zerwuselt zu werden. Zwischendurch und ganz symmetrisch, wachsen mir hellgelbliche Haare um Hals und Rücken, die Jahr für Jahr zunehmen und mein Alter signalisieren. Aber das wird besonders an meiner schwarzen Schnauze erkennbar, die nun schon etliche Grauhaare aufweist.

Neuerdings, weil ich so stark haare und mein Urin unkontrolliert abgeht - das begann schon sehr früh und deshalb ließ er mich kastrieren, was nichts half - bin ich nur noch frei laufend Tag und Nacht draußen auf dem Grundstück.




Mein nackter Freund

Manchmal und ganz ausnahmsweise lässt er mich nachts in seinen Privatbau. Da verhalte ich mich betont ruhig, damit er mich nicht doch in den Keller oder nach draußen schickt. Meine angeborene Trennungsangst muss ich dann jedes Mal überwinden. Tatze dann auf die Klinke seiner Terrassentür, doch die hat er von innen abgeschlossen. Manchmal auch nicht. Dann geht die Tür auf, doch ich traue mich nicht rein. Aber wenigstens sein Geruch ist mir dann nah.

Ich weiß, dass er mich gern immer in seiner Nähe wüsste, doch er will wohl konsequent sein, wie es pädagogisch richtig ist - wie auch bei Menschenkindern.

Wenn er mich, ganz sentimental, mal nachts über doch rein lässt, hab ich in der Wohnecke meinen Platz und er in seiner Schlafmulde. Morgens tickt dann meine Biouhr frühzeitig - schlafabbrechend und in der ersten Dämmerung hebt der vielfältige Chor der Gefiederten mit seinem Gesang an. Dann horche ich schon mal, ob er sich regt. Falls nicht, gehe ich trotzdem mal nachsehen. Schließlich singen nur noch die Amseln und Drosseln; dann das schrille Zirpen der Spatzen und zum Schluss schicken sich die Rabenvögel gegenseitig ihre Grüße. Dann wird's aber Zeit! Ist fast heller Morgen. Da höre ich auch schon, wie sich mein Grauer auf seiner Unterlage bewegt. Nichts wie hin! - Denkste! Eben dreht er mir seinen Rücken zu und rührt sich nicht mehr. Was mache ich dann? Ich bohre meine Schnauze mehrmals unter sein Zudeck und stupse mit meiner nasskalten Nase an seine warme Haut, solange, bis er sich vielleicht bequemt mir eine Pfote rauszustrecken, um mich - noch schlaftrunken - liebevoll zu streicheln; so als Morgengruß.

Er pennt dann trotzdem weiter. Wenn aber die Morgensonne hell in unseren Bau scheint, ist's mit meiner Geduld am Ende. Ich zupfe an seinem Oberbett und falls er sich dann immer noch nicht bewegt, hake ich meine vorderen Reißzähne darin ein und ziehe s ihm im langsamen Rückwärtsgang weg. Dann springe ich schnell zur Seite, damit mich der Ausschlag einer seiner Hinterläufe nicht treffen kann. Schließlich wälzt er sich hoch. Neben Graulie, auf meinen Hinterschenkeln sitzend, schaue ich ihm zu: Mit einem Schwung wirft er die Unterbeine aus seinem Bett und gleichzeitig mit seinem rechten Vorderbein die Bettdecke zur Seite.

Nebenan im Wasserzimmer, dreht er kalten Regen auf und lässt ihn über sich sprühen. Dabei höre ich ihn murmeln:

"Oh kühles Nass, spüle mir den warmen Schlaf von meiner Haut, damit ich dem neuen Tag frisch begegnen kann."

Immer hat der Sprüche drauf, die ich inhaltlich nicht so ganz verstehen kann. Er meint übrigens, dass seine Mitrudel ihn auch nicht sogleich verstünden. Da hab ich's doch einfacher. Springe gleich froh in den Morgen, mache mir weiter keine Gedanken und muss auch nicht erst kaltes Wasser auf mein Fell haben.

Und dann! - Meine Urwolfsväter in den ewigen Jagdgründen! Ihr werdet es nicht glauben, hätte ich es nicht erlebt: er zog sich sein Fell an! Erst unten was, dann oben und das noch einmal. Zum Schluss so gestrickte Dinger über seine Hinterpfoten und darüber eine Art künstlicher Läufe. Dann machte er das Fell um seine Schnauze mittels eines summenden Apparats ganz ab, schmierte sich was auf seine Haut und träufelte sich was furchtbar Stinkendes an, das mir meine feinen Geruchssinne immer in Totter brachte. Aber an dergleichen für mich Unverständliches hab ich mich längst gewöhnt.

Wie einfach hab ich's da doch, behalte jederzeit mein Fell an und wechsle höchstens mal ein paar Haare. Meine Maske nackt machen? Da kann ich nur jaulen, schließlich bin ich doch kein gezüchteter Nackthund. Könnte mich so bei Meinesgleichen gar nicht zeigen. Die würden sich völlig krumm heulen!

Und erst seine gewissen "Bedürfnisse", die wir an Baum oder Strauch erledigen. Da treibt er einen besonderen Aufwand. Nur nicht riechen oder Duftmarken hinterlassen! Da versteh' ihn unsereiner? Das untere Fell aufknöpfen oder runterziehen nur um Anstalt in gewissen Anstalten machen zu können; wie ihre Fähen das sowieso immer tun müssen?

Wie glücklich ich Hund, der ich derlei Veranstaltung nicht bedarf.

Diese Affen! - Als Vorgänger ihrer, sahen sie das auch so wie ich. - Doch nun sind die evolutionär hochnäsig geworden, indem sie eine Kultur entwickelten, in der das Fell an -und ausziehen dazu gehört. Weshalb sie das ihre verloren, ist mir schleierhaft. Da haben sie wohl irgendwann nicht aufgepasst.

Das hat nun mein Wolfsgehirn über Maßen angestrengt, all diesem Menschlichen nachzuspüren.

Zwischenzeitlich ging darüber Mutter Mond auf, nachdem die Vatersonne unterging.

Im Schatten ihrer nächtlichen Kühle fühle ich mich als Domestizierter oder so genannter "Stubenwolf" recht wohl. Ziehe mich auf den höchsten Wall meines und seines Geländes zurück, um von dort aus bei Muttervollmond unser Heiligstes anzustimmen - nämlich den Wolfsgesang - zusammenrufend die Restlichen meiner freilebenden Sippe und der Unfreien, von Menschen Abhängigen.

Eure Noten kennen wir nicht, doch wer von euch uns einmal mondanbetend -nächtlich singen gehört hat, mag die unendliche Sehnsucht nach Verlorenem erkennen, die uns dazu treibt. Lasst unsere Wolfsrufe in eure Seelen einfließen und reflektiert sie philosophisch.

Vielleicht könnt Ihr daraus lernen. Denn einst wolltet Ihr uns ausrotten, doch nun seid Ihr untereinander damit erschreckend beschäftigt.




Wecket nie den Leu!

Wir sind nicht nur Eure Lieben...! - Allerdings aber auch eure allzeitigen Bewacher, deren Wolfspsyche Ihr insofern ausnutzt.

Wenn meine Oldvaddern eine Fähe oder einen Frischling gerissen hatten, gar ein Elchkalb, dann fraßen sie sich den Wanst dermaßen voll, dass sie kaum noch laufen konnten.

Ihre Fänge trieften vom Blut der Erjagten und deren letzter Eingeweidedunst reizte die Vollgefressenen zum Fähmen - also nicht nur mit der Nase, sondern auch mit gleichzeitig hochgezogenen Lefzen über Maul und Zunge lustvoll witternd. Hatte sie der Blutrausch erst mal erfasst; wollten sie mehr.

Dann war auch die kostarme, mühselige Winterjagd auf Schneehasen und Mäuse vergessen.

So verhielt sich das mit meinen Wolfsvorfahren. Nun rede ich von dem "Leu" der stark in ihnen steckte und von dem in mir instinktlicht auch noch einiges verborgen ist. Das nämlich hat meinem Alpha in unserem bisherigen Zusammenleben manchen Ärger eingebracht.

Und das solltet ihr dazu wissen: Wie die Engländer sagen: "My Home is my Castle", so gilt dieser Standpunkt für mich besonders, aber da gibt es unterschiedliche Bereiche.

Der strengste ist unser Bau: seine Wohnung. Wenn da jemand reinkommen will, hat er mich sofort am Hals. Da ich an dessen aber nicht gleich ran komme, sträube ich erst mal mein Nackenfell, ziehe die Lefzen hoch, zeige die drohenden Zahnreihen meines Fangs, belle durchdringend - verwarnend, knurre und grolle in Tonlagen, die selbst Hades Cerberus nicht besser hin kriegte.

Der mittlere ist sein abgeschlossenes Grundstück. Das Doofe dabei ist, dass ich nur alles riechen und jedes leiseste Geräusch hören, doch nichts sehen kann. Dann gebe ich Laut, bis sich wirklich nichts mehr rührt. Meist aber tut's das doch, also belle ich oft und auch nachts, zum Leidwesen unserer Nachbarn. Ich bin kein Stubenhund - also nicht dauernd in seinem Bau - sondern habe mein freies Leben auf 500 qm Grundstück mit mindestens vier Liegeplätzen. Da lässt sich's wohl sein.

Der äußere Bezirk meines Wachens ist ein gewisses Weichbild um unser eingezäuntes Territorium herum. Und genau in diesem wird es problematisch, sobald mein Alpha eben mal nicht auf mich achtet.

Da kommt beispielsweise der Briefträger und betritt meinen Wachbezirk. Natürlich verbelle ich ihn. Der bekommt Angst, schreit und will mit seinem Fahrrad auf mich los. Genau dann sehe ich in ihm eine sich wehrende Beute und der Leu regt sich in mir.

Da ich - vor meiner Zeit mit meinem geliebten Grauen durch meine repressive Jugenderziehung etwas angsthaft und scheu wurde, greife ich nicht frontal an, sondern schleiche an das Subjekt meiner aufmerksamen Wachsamkeit von hinten heran und... schnappe dann zu!

So passierte das auch jüngst:

Vor dem Nachbargrundstück war der Werkstattwagen eines Klempners vorgefahren und der ausgestiegen. Der dann erfolgende Tumult ließ meinen Grauen heraneilen, doch es war bereits zu spät. Der Klempner hielt sich seinen Hintern und war völlig verdattert. Es bedurfte vieler Worte wie mit Engelszungen und einer Flasche Amaretto, damit unangenehme Weiterungen ausblieben wie: Arztrechnung, Schmerzensgeld, staatliche Überprüfung meiner Psyche - mit eventueller Folge von Halsband, ewiger Leine und Maulkorb - und wie dabei auch herausgekommen wäre, nämlich dass mein Alter für mich noch nie Steuern gezahlt hatte.

Kinder mag ich so gern. Die hüpfen und springen umher wie unsere Welpen. Immer, wenn eines die Straße entlang kommt, laufe ich ihm ganz freundlich entgegen oder hinterher. Da aber nicht alle Kinder mir meine Zugewandtheit ansehen können, bekommen sie Angst und beginnen fortzulaufen.

Wie neulich ein kleines Mädchen. Sie lief schreiend weg und ich hinterher.

Schließlich stolperte sie, fiel hin und dann war ich über ihr!

Genau da kam mein Grauwolf hinzu durch das Schreien aufgeschreckt, gerade noch zur rechten Zeit.

Es war der Leu in mir erweckt, mein Urinstinkt voll durchgebrochen. Das heißt, in dem Moment war ich nicht über einem kleinen Mädchen, sondern über einer geschlagenen Beute. Mein Alter vermutet, dass ich "gerissen" hätte, wie das meinem Instinktverhalten völlig entsprach - wäre er nicht dazu gekommen.

Dann hätte nächstentags in der Presse gestanden:

"Ein bisher und ansonsten als sehr brav und folgsam bekannter Schäferhund, allseits beliebt, zutraulich und wohlerzogen, überfiel ein Kind und brachte ihm schwere Bisswunden bei. Ein trauriger Fall. Der Besitzer war völlig verstört und verzweifelt. Sein Hund musste eingeschläfert werden..."

Er weiß aber auch genau und hat es mir gesagt, dass jeder Hund unberechenbare Momente beinhaltet. Und an diesem Punkt, wie auch bei anderem, fehlerhaften Verhalten eines Hundefreunds, ist grundsätzlich dessen Alpha schuld. Entweder weil er nicht aufgepasst hat, oder sein Hundetier falsch erzog. - Dann allerdings war ein kein Oberwolf gewesen.

Anschließend sagte er mir noch so'n alten Sinnspruch: "Wie der Herr, so's Gescherr!" Ergo: Am Verhalten eines Hundekameraden ließe sich der Charakter seines Herrn erkennen - Von Instinktdurchbrüchen unsereseinem natürlich abgesehen.

Doch die sollte der immer im Griff behalten!

Neuerdings lässt er mich keine Minute draußen noch mal allein. Er will "den Anfängen wehren", wie er sagt.




Jena - Geschichte mit Verkehrsschild

Ich war noch jung und eben mal vom ihm aus dem Hundegefängnis befreit, er sich noch nicht ganz klar über die zu ergreifenden Erziehungsrichtlinien meinbezogen, da nahm er mich schon mit nach Jena zu einer Exkursion ins weite Denkland der vorhergehenden Philosophen, die damals ihre Stelldicheine dort konzentrierten. Sein Lehrer Dr. Stamer hatte eine daran interessierte Gruppe dazu eingeladen. Anlässlich eines Spaziergangs von Herr und Hund während einer Lehrpause wollte mein Alter Räumlichkeiten besuchen, in denen Hunde nicht erwünscht waren.

Damals hatte er mich noch an lang ausfahrenkönnender Leine angebunden, die in einem Griff endete, mittels dem er mich bremsen, zurückholen oder auch einige Meter fortlaufen lassen konnte.

Nun musste er mich irgendwie festbinden und sichern. Aber wie und wo? Ach, da stand ja ein Verkehrsschild mit schwerem Betonfuß! So band er meine Leine etwas oberhalb des Rohrs daran fest und verschwand. Kaum war er außer Sichtweite überfiel mich die unsägliche Trennungsangst eines jungen Hundes. Ich sprang los, das Verkehrsschild kippte um, Panik ergriff mich und ich tobte davon, das Ganze hinter mir herscheppernd wie die Konservendosen zu "Just Married" am Auto Frischvermählter.

Ein staunend - erschreckter Volksauflauf fand statt. Mein darauf aufmerksam gewordener Neuvater kam eben noch rechtzeitig dazu, rannte wie der Teufel hinter all dem her, ergriff schließlich die Leine und beruhigte mich total konsterniertes Tier, bevor Polizei und Hundefänger in Aktion treten konnten.

So verbanden uns für die Zukunft noch viele andere prägende und lehrhafte Erlebnisse, die manchmal nicht unbedingt erfreulich waren. So auch:




Der Sprung vom Hohen Ufer

Wir gingen spazieren am Hohen Ufer der Leine, an dem Hannover einstmals gegründet wurde und seinen Namen her hat.

Er hatte noch etwas Zeit, um an einer philosophischen Arbeit im nahegelegenen, ehemaligen Zeughaus teilzunehmen. Dort war REFLEX seines Freundes Stamer in großzügig-weiten Räumlichkeiten angesiedelt. Hoch oben im vierten Stockwerk, kostenfrei zur Verfügung gehalten von Dr. Berning, der dort mit seiner Anwaltssozietät angesiedelt war, abgemietet vom Besitzer Fiedler, der das ganze Gebäude als absolutes "Schnäppchen" von der Stadt vormals erworben hatte.

Ganz unten die Leinebalustrade, weiter hinabführend zur ehemaligen Pferdetränke. Oberhalb die Straßenebene mit abschließender Mauer. Diese von dort halbmeterhoch zu sehen, doch nach unten vier Meter tief. Da gingen wir unten, bis plötzlich sein Rushdie verschwunden war.

Ich war eben mal die Treppen hochgelaufen, um mich dort oben nach Interessanterem umzusehen.

Da tönte sein Pfiff in meine Ohren!

Sofort gehorchend nahm ich oben Anlauf auf die niedrige Umfassungsmauer zu und sprang in hohem Bogen über sie hinweg... um vier Meter tiefer aufzuschlagen.



Von oben über die Mauer... ... und hier vier Meter hinab

Mein jämmerliches Geschrei und Gehumpel war die Folge.

Ihm graute schon vor der Diagnose des jetzt wahrscheinlich fälligen Tierarztes. Was alles mochte gebrochen sein, welche inneren Verletzungen?

Er kam zu mir, umarmte und tröstete mich und tastete mich ab nach Beschädigungen.

Einige Minuten später war ich schon wieder wohlauf.

Da nannte er mich seinen geliebter "Gummihund" und ihm fiel ein dicker Stein vom Herzen.

Anschließend nahmen wir im REFLEX unsere Obliegenheiten wahr. Ich, in dem ich unter seinen Stuhl kroch, er die angestrebten philosophischen Betrachtungen. Für den Tag war ich unter den Teilnehmern dieser Zusammenkunft Subjekt allgemeiner Aufmerksamkeit und Zuwendung, nachdem er ausführlich dieses Vorkommnis geschildert hatte




Und "Gummihund" nochmals:

Der "Flug" in St. Tropez

Auf der linken Seite der Strasse, ortsauswärts führend, hatten wir unser mobiles Wohnheim geparkt. Nach ausgedehntem Spaziergang und Besuch der dörflich-illustren Lokalitäten bummelten wir am Hafen entlang unserer Heimatbehausung entgegen.

Er hatte in seiner Hand eine Tüte mit frisch vom Kutter erkaufter Krustentiere. Ich widmete meine witternde Nase dem Duft verendeter Fische, die unterhalb der Kaimauer von den Hafenwellen angeschwappt wurden.

Das war rechtsseits und wir näherten uns unserem links - quergegenüber neben der Strasse stehenden Heim, dessen Anblick mir längst geläufig war, weil wir bereits einige Tage hier weilten.

Weil ich wusste, wohin es gehen sollte, lief ich plötzlich darauf zu, doch dazwischen befand sich immer noch die breite Hauptverkehrsstraße.

Ein von einer Frau gesteuertes Auto bremste mit qualmenden Reifen, doch zu spät!

Das erwischte mich mit seiner Front breitseits, wie mich ebenfalls. Ein Glück im Unglück, weil dadurch die Aufprallenergie sich auf meinen gesamten Körper verteilte.

Er sah mich hoch wirbeln und meterweit durch die Luft fliegen.

Ich raffte mich auf, lief winselnd weit weg, legte mich hin und stand wieder auf völlig bebend... Aus den Gedanken meines Grauen:

Ist er nun zu Tode verletzt?

Kein Zuruf hilft. Er kommt auch nicht näher; rührt sich nicht vom Fleck.

Auf zärtlich-angstvolles Locken hin nähert er sich mir nicht.

Langsam gehe ich auf ihn zu, er bleibt stehen wie verprügelt und fortgejagt.

Adrenalin durchschwemmt mein Blut prickelnd - erschrecklich.

Er kam mir näher und ich ihm. Dann waren wir endlich beisammen und ich ließ mich geduldig von ihm abfühlen nach eventuell davongetragenen Schäden.

Keiner! An keiner Körperstelle empfand ich wesentlichen Schmerz. Wie glücklich war mein Alter, als ich mich wieder ganz normal benahm.

Ich war eben sein "Gummihund", den er bis heute - wegen meiner gummiartig -federnden Gangart - bewundert.

Resümee aus seinem Nachdenken über mein Verhalten:

Ich hatte den Aufprall auf das Auto als direkte Strafe von ihm empfunden. Oberflächlich denkend nicht zu verstehen, doch hundepsychologisch gesehen, durchaus ein kausaler Zusammenhang. Der Autovorfall war für mich nichts anderes, als ein strafender Schlag von ihm. Wie sollte ich schuldlos - das alles aus heiterem Himmel niedergerauscht - damit klarkommen? Womit hatte ich diese Strafe verdient?

Für mich nicht zu klären. Jedenfalls wäre ich wahrscheinlich fernab dort sitzen geblieben, auch angesichts seiner Abreise. Denn ich hätte mich nicht mehr zu ihm getraut.

Dann nicht wieder als Streunender, wie einstmals in deutscher Hildesheim-Gegend zuvor verblieben, sondern als ein Underdog in den französischen Gefilden von St. Tropez, unter den Armen meinesgleichen oder den Reichen der Reichen, die mir dann und wann hochnäsig mal eben einen abgenagten Knochen hinterlassen hätten, zuvor dessen Filet abgefressen, das ihnen von ihren Reichen vorgeworfen wurde.

Wäre er nicht damals mit warmem Herzen und weiten Armen auf mich zu gekommen!

Wisst ihr wie es ist, wenn man in tiefster seelischer Bedrängnis sich befindet?

Dann ein Wesen daherkommt, das mitfühlend und verstehend dich in seine Arme schließt? Und dabei die inneren und äußeren Tränen der Wesen sehnsuchtsvoll und dankbar ineinander fließen? Mein alter Grauer sagt dazu (oder war es dem Schiller sinngemäß in etwa entlehnt?):"...wem der große Wurf gelungen, eines Freundes Freund zu sein, mische seinen Jubel ein..."Beim heiligsten Mondgesang meiner Sippschaft: In nächster Vollmondnacht werde ich die nächstliegende Erhöhung erklimmen, um das auf meine Art andächtig zu tun!




Das Meisenmännchen

Neulich morgens hatte ich eben meine Gartenrunde beendet und tatzte die Stufen zur überdachten Terrasse empor. Da sah ich bass erstaunt ein Meisenkerlchen vor dem großen Spiegel, der dort aufgehängt war, völlig aufgeregt umherflattern. Schließlich hackte es immer wieder auf den Spiegel ein. Immer wieder flog es regelrechte Attacken, wie ich annehmen musste, auf sein Spiegelbild.

Das Tacken seines Schnabels war hart und deutlich zu hören. Täglich mehrmals und tagelang beobachtete ich dieses sich immer wiederholende, verwunderungswürdige Schauspiel. Entweder würde der Spiegel bald zerspringen oder der Meisenschnabel plattgehämmert - konnte ich mir vorstellen.

Aufmerksam geworden durch dies dauernde Geklacke, das so gar nicht zu den üblichen und bekannten Geräuschen der Natur passen wollte, prüfte er erst mal seine Geräte in der Wohnung und schließlich gar seine Heizungsanlage. Aber diese Laute klangen doch irgendwie aus Richtung Terrasse. Er öffnete deren Tür und just sah er eine Meise davonfliegen. Dann legte er sich auf die Lauer. Endlich sah er das Meisenmännchen wieder herangeflogen kommen. Hinter der geschlossenen Tür stehend bewegte er seinen Kopf ganz langsam in die Zielrichtung des Vögelchens und sah dann was geschah. Nämlich was ich schon längst vorher beobachtet hatte.

Er kam heraus und der Meisenvogel entfleuchte. Ich stand da und sah ihn mit meinen Augen fragend an. Er merkte das und er erklärte mir:

Ich denke mir das so:

Du hörst doch besonders morgens ab 6 Uhr, wie die ganze unterschiedliche Vogelschar ihren Gesang anstimmt.

Und das ist immer schön anzuhören.

Das tun die nicht nur im Frühjahr um sich paarweise anzulocken, sondern auch den ganzen Sommer über. Die Männchen dann vor allem, um ihr Revier bekannt zu geben und zu sichern. Das ist genauso, als wenn du dein Territorium mit deinen Urinmarken abgrenzt. Und was machst du, wenn ein anderer Rüde sich darin häusig machen will? Es gibt eine dicke Beißerei!

Ist doch selbstverständlich! Wer lässt denn andere in seinem Revier wildern oder gar seine Lieblingshündin besteigen? Dann gibt's Kampf!

Und das Meisenkerlchen hat hier im Garten in einem gewissen Umkreis sein Lebensreich, das auch er verteidigt. Er mit Flattern und Schnabelhacken - wie du mit gesträubtem Fell und bleckendem Beißmaul. Nun sah er eines Tages, als er auf der Terrasse unser Wachtelfutter stibitzte, ein anderes Männchen. - Sein eigenes Spiegelbild! Das kann natürlich nur solch einem kleinen, dummen Meisenmännchen widerfahren. Dir sicher nicht, weil Du ja soo intelligent bist. Oder liegt das bei Dir daran, dass Du Dein Spiegelbild weder riechen noch ins Glas beißen kannst? Das liegt ganz allein an meiner Intelligenz! Und was Du mir da andichten willst, ist nicht mal fragwürdig! Lass zukünftig die Bezweiflung meiner hoch entwickelten Sinne!

Doch was Du mir insgesamt erklärtest, das kann ich verstehen und auch glauben. - Muss jetzt eben schnell mal ans Hoftor laufen. Höre andere Geräusche, wittere fremde Gerüche. Muss kräftig verbellen - unser Grundstück beschützen.




Der Fisch war mein Hund

Der Traumanlass aus Tageserleben:

In der Nordsee kaufte sich Hohnest fresslustig, doch gleichsam ernährungsbewusst nicht was Gefrittetes, sondern einen gargeräucherten Streifen Bauchlappen vom Zuchtlachs, den man "Stremel" nennt. Sehr fettig, doch dieses Fischfett beinhaltet Fettsäuren höchstrangwürdiger Ernährungsphilosophie. Ließ sich die Tranche auf Serviette geben, verließ den Laden und verschmatzte - abhold jeder Etikette - im Stadtbummel die fettige Leichtigkeit des fermentierten Lachsbauchs. - Ein holder Frühlingsgenuss!

Oberhalb der Allee von Sangrutinien die er durchschritt, regte sich schon zärtlich-hoffendes Grün in den Wipfeln dieser nummerierten Stadtbäume. - Ward auch er schon nummeriert? Dem Nummerierer könnt's nicht leicht fallen solch Buntschimmernden zu kartografisieren. Noch weniger solch ein Filou in Schublade gräulicher Allgemeinbegrifflichkeit einzuschuben. Meinte Salvatore Dali in seiner Giraffenschublade damit das? - Na sicher! Und wer ihn dummerweise in eine Schublade zwängen will, kriegt sie nicht mehr zu. Immer hängt ein unverstandener Tentakel von ihm heraus und hindert am Zuschuben zwecks Einordnung. Jedenfalls beglückender Weise, sang aus dem Schub die Schar der Befiederten noch ihr Frühlingsliebeslied. Weshalb sollte es ihm da noch schlecht ergehen? Das Noch und das Danach möchte doch bitte späterer Nüchternheit im Seeleninneren überlassen bleiben.

Aß ergo das rosazarte Fischfleisch; kam an dessen Haut. Die war zart und etwas Restbeschuppt, doch als Gourmand und Experimentalkoch erinnerte ich mich an die Aussagen Henriette Davidis, der modernen Sternchen der Kochkunst und Ernährungsbewussten, deren Credo da lautet:

"Zwischen Schale und Kern liegt das relevante Lebenstonikum ernährungsphysiologischer Erkenntnis." Oder wie im Lachsfall: zwischen Haut und Fleisch verbirgt sich edelste Ernährungsphysiologie. Deshalb gourmandierte ich beides. Wie bei Kartoffel, Pflaume oder anderen Früchten, liegt der wesentliche Gehalt und Geschmack eben da.

Also aß ich den Stremel insgesamt und mit Lust entgegen den Grätenverängstigten, die dann doch besser sich ein durchgegartes Schweinsfilet oder fettdurchtränkte "Pommes" reinziehen mögen; runtergespült mit Cola.

Der aus dem Tageserleben entstandene Traum:

(Wie ich die schlafnächtliche Gehirntätigkeit immer wieder nur bestaunen kann. Neurophysiologie der metaphysischen Art. Das ist genau der Punkt, der mich bewundernd glauben lässt an die Göttlichkeit überhaupt. Im pantheistischen Sinn fühle ich mich von ihr umflossen bis ins Innerste meiner Seele.)

Im Traum zelebrierte ich die fast seziererische Kunst des Tranchierens eines toten, doch immerhin gewürzten und geräucherten Körpers, dessen schöne Gliederungsstrukturen seiner Muskelformationen einfach zu zerkauen mir Hinterpein oktroyierte.

Und im Traum passierte ich eine abgedeckte Wand einer starken Folie gleich, mit der man Bauten umhüllt. An derer Basis entdeckte ich plötzlich mich rückwendend einen Fisch, der da lag ohne aufgeschlitzten Bauch und unausgenommen doch wie tot.

"Wie kommst du dahin?" fragte und besegnete ich ihn.

Er war so eine Art ungewöhnlich dicker, mehr flacher Karpfen mit silbriger Haut und einigen verbliebenen großen Schuppen, derer einer man sagenhaft in seine Geldtasche tun sollte um immer volle Börse zu haben.

Meine warme, trockene Hand überstreifte seine schützende, kalte Fischschleimigkeit zum Einvernehmen. Da zuckte er als Antwort doch ihm zugute nicht. Denn wohl kurz vormals lebte sein Kopf noch in dem ihn erstickenden Medium der Menschenatemluft, seine Augen flehten angstvoll, seine blutroten Atemkiemen rangen nach umschwellendem Wasser.

Da zog ich mein scharfgewölbtes Messer aus der Gürtelscheide, um ihn begierlich vom After bis zu den wasseratmenden Kiemen hin aufschlitzend zu töten, wie das jeder Angler und Christfischer unisono tut- Wollte ich als Krebs etwa appetitlich einen Wassertiergenossen genießen?

Indem ich traumatischem Fisch den Bauch aufschlitzte, Verwandelte er sich plötzlich faustisch zu meinem geliebten Hund. Ihn hatte ich aufgebrochen statt des Fischs.

In meinen liebenden Seelenarmen
Seine schwarze Witterndnase
An die meine Blassunriechende gepresst
Erroch ich sein Verröcheln.

Da lag er
Vom After
Bis zur Kehle
Aufgeschlitzt.
Leise still weinend
Tränenlos
Unaufhaltsam
Dem
Ende
Zugewandt
Mich hinterlassend
Als Unweisen
Brechend seine
Geliebten
Sonnenaugen
In unvorbedingter
Altruistliebe
Zu mir
Hauchte er sein Leben aus
Verkündend die
Ewige
Liebe

Dann
Brach ab
Mit letztem
Atemzug
Liebe für Liebe.
Der Fischhund
Wölbte im Tod
Seinen Kopf
Dem meinen entgegen.
Sagend
Bin ein friedlich Tier
Hast mich gefangen
Und getötet

Morgenröte
Lässt uns
Im Einssein
Ewig
Gemeinssein
Danke
Mein Fisch
Danke
Mein Hund
Danke Flora
Danke Fauna
Euer
Wesen
Ist meine
Religion
Als
Pantheist
Ringsumher
Herrscht
Wunderreiche
Göttlichkeit
Wie
In
Uns
Selbst





Der Tellington -Touch

Ihr Schwestern und Brüder meiner Schäferhundsgestalt - wie auch die der verzüchteten und fehl erzogenen Art im menschlichen Fehldenken, die Ihr gestraft werdet, wo Ihr Lob verdient, weil unsere Menschen ihre eigene Erziehung gleich empfinden mit der grauer Kettenhunde: Seid nicht betrübt über Euer oft klägliches Dasein, sondern bedauert diese Wesen, die ihren Naturinstinkt längst verloren haben und deshalb rundum blutig -blindlings reißen, wo wir das nur zu unserer natürlichen Ernährung tun. Sie töten sich gegenseitig, aber nicht, um sich aufzufressen... Wie verdreht ist diese Menschenwelt!

Und Urvorfahren Wölfe, die Ihr noch heimlich lebt und uns Domestizierte hasst, da gibt es doch was erstaunlich Schönes. Derweil Ihr euch mal gegenseitig leckt oder aneinander kuschelt, haben die Menschen den Tellington -Touch erfunden. Der geht so: der eine legt sich hin, der andere nimmt seine Vorderpfoten und massiert damit ganz behutsam und tief die Muskelstrukturen des Daliegenden, der dabei dann seine Kettenhundgrauheit vergisst. Und stellt euch vor, das wenden nun die bei uns an, die wir von ihnen geliebt werden. Neulich ebenfalls mein grauer Alpha mit Hingabe, und ich muss euch sagen, ich habe währenddessen meinen Rücken hin gehalten, meinen Kopf und Schwanz und vor Lustwohl wusste ich nicht mehr, ob ich Hund oder Mensch sei - oder bereits in den ewigen Jagdgründen des Hundehimmels.

Ihr verfetteten Genossen Herrchens oder Frauchens sentimentaler Leckerlieüberfütterung, verweigert doch mal Eure permanent vollen Fressschüsseln und überredet Eure Menschen zum täglichen Tellington -Touch. Der ist natürlich aufwändiger und engagierter als Futter-vor-Schmeißen, doch daran werdet Ihr dann die wahre Liebe erkennen.

Eben stieß ich meine Nase unter seinen arbeitenden Mousepadarm, worauf er mich touchte nach Tellingtonart. Dabei war mir so unglaublich wohl, gleich einer Sau in der Suhle, oder Unsereins beim Wälzen in Kuhfladen. Besser noch als der Traum nach erjagten Katzen, die dummerweise immer noch schneller sind als ich. Aber Graulie sagte schon immer zu mir: "Lass deine Schnauze von denen, denn an derer scharfen Kralle könnte einst ein Auge von dir hängen."

So hab ich mich auf die brummelnden Frühlingshummeln und die mein Futter klauenden Amseln spezialisiert, doch nie eine dieser Spezies erwischt.
Gleich morgens früh sperrt er meinen Schlafkeller auf, ich springe an ihm hoch, er tellington't mich kurz, wir machen unseren Morgenspaziergang, und - zurückgekehrt - bekomme ich meinen Rinderpansenfetzen garniert mit strikt bemessenem Trockenfutter. Oder manchmal auch ein halbes, bluttriefendes Rinderherz. Zwischendurch kocht er auch für mich, um Vegetarisches und Vitaminliches einzumischen unter reizende Kräuter und Fleischliches. Das macht er so fein, dass ich unterschiedslos alles wegfresse. Er meint, ich wüsste nicht, dass dieser Aufwand meiner Lebensverlängerung diente. Und so feilschen wir hintersinnig immer über unsere gegenseitige Überlebenschance. Er will nicht vor mir sterben, sondern ich besser vor ihm. Ihm graut schon vor diesem allerletzten Tag. Überlegt schon zwischen Beerdigung und Einäscherung und der tränenüberströmten Tat, meinem toten Körper ein Ohr abzuschneiden, um es mumifiziert als Talisman an seiner Brust zu tragen. Verwirrte gar unseren Tierdoktor mit der Frage nach dem Abzug meines Totenfells, das er dann gegerbt mit in sein Bett nehmen könnte, wie mich niemals zuvor. Einfach dass er mit mir noch kuscheln könnte vor seinem Tod, der vielleicht uns metaphorisch an ungeahnter Stelle weltseelenschwebend mal leicht umhauchen oder gar touchieren könnte.

Warten wir es ab....

Er will nach mir keinen anderen Hundkameraden mehr haben, weil, wie er sagt, die letztliche Lebenseinsamkeit ihm dazu dienen möge, sich auf seinen eigenen Tod vorzubereiten.

Ob er mich vergräbt oder verbrennt, mir das Fell abzieht oder ein Ohr abschneidet, ich werde immer in seiner Nähe bleiben, wo auch immer: ich werde meinen Kopf an ihm reiben und auf Fressen lauern, hechelnd nach angehender Jagd und mit ihm in alle Ewigkeit verbunden bleiben. Und seine liebkosenden Vorderläufe in meinem verzeckten Fell zu spüren, wird mir in den ewigen Wolfsjagdgründen Himmel sein.

Können die Menschen auch so tief empfinden wie ich Tier? Oder verliert sich das alles in der ohnmächtigen Aussage Goethes, dass Menschen tierischer als jedes Tier seien? Das ist eine Verunglimpfung unser, denn die Menschen sind gegenseitig vernichtend, wir nicht, doch müssen wir unter ihrem Tun erheblich mitleiden.

Ich wünschte mir eine wölfische Erdbeherrschung, weil die keiner Politik und Juristerei bedarf, sondern quicklebendig allein auf hirarschichem Familienleben beruht, das hin und wieder auf dem Thingplatz der Beißerei ausgetragen wird. Folterei ist uns Tieren unbekannt. Ihr Menschen mit vier Kilo unausgelastetem Hirn, habt dem Walnusshirn eines Pferdes nichts entgegen zu setzen, weil das Pferd flieht, bevor Wölfe es reißen oder Menschen es vergewaltigen.

Dieses Fluchttier ist beispielhaft dafür, darüber täuscht keine Dressur noch pubertäre Mädchenliebe hinweg. Der einstmals geliebte Gaul endet beim Kopfschlachter und sein Fleisch endet in Fastfoodketten, versehen mit E 250 - Nitrit-Nitrat, dessen Wirkung die Krebsstatistik in endlose Höhen treibt. Doch in der Fun-Gesellschaft will das niemand wissen, und die Reitermädchen reiten elegisch weiter auf zukünftigem Hundefutter, bis sie dann Einestags selbst eingeritten werden. Vergessen, Verdrängung und Ignoranz hausgemacht, werden daraus gezeugte Kinder so allein lassen, wie die letzten Welpen eines Wurfs.

Die Mond steht auf voll, deshalb steige ich jetzt auf den höchsten Maulwurfshügel, um Vater Sonne im Andunst der Farbe roter Menschenmädchenslips am aufgehenden Horizont hervorzuheulen, doch wird mein Wolfsgesang mehr dem Maldoror's und weniger dem des Erzengels Gabriel gleichen, dem ich gern mal ein Stück aus seinem fetten Hintern rausgebissen hätte.

Mit lächelnden Lefzen,
darunter dräuendem,
reißzähnigen Wolfsfang,
verabschiede ich mich als

Euer

Rushdie of Salman

Ps: mein grauer Alpha weiß gar nicht, dass ich dies mit Taschenlampe unter der Bettdecke geschrieben hab. Verratet mich also nicht, sonst entzieht er mir den Tellington-Touch.
Falls ich mich stellenweise etwas anstößig geäußert haben sollte, verzeiht mir bitte, denn ich bin ein Hund. Aber manches davon habe ich denen abgelauscht.




Vom braven "Sitzen bleiben" bis zu "unbraven" Äusserungen bezüglich Menschtum.

"Sitz! - sei brav, guter Hund. So ist's guuht. Pass schön auf, komme gleich wieder. Is ganz guuht so, gaahnz guuuht, lieber Rushdie!"

So sagt er immer zu mir, bevor er in einen Laden geht, in dem Hunde nicht erwünscht sind. Dabei geht es meist um Lebensmittelläden. Da frage ich mich, weshalb ich nicht da mit rein darf. Schließlich brauche ich doch auch Mittel zum Leben. Da wabert doch hinterhirnig was von Hygiene und dreckigem Hund! Wasche mich zwar nicht wie der dauernd, doch hätte ich gern mal in den Regalen dieser Lebensmittelläden herumgeschnuppert, und mit meinen Vorderpfoten gut Riechendes mal eingekramt.
Nolens volens bleib ich dann befehlsgemäß draußen sitzen oder liegen und meine Augen heften sich an seine Rückansicht, bis ich ihn nicht mehr sehen kann.
Dann werde ich ganz unruhig. Neulich war das wieder so, doch plötzlich sah ich durch die Glasfenster, wie er da hinter vorbei ging. Dann war er wieder weg und ich verfolgte die Richtung seines Gangs. Da war er wieder! Wir gingen, durch die Glasscheiben getrennt, in gleicher Richtung - er drinnen, ich draußen. Dann war er wieder ganz weg! Ich dachte, nun wäre er ohne mich nach Haus gegangen, also machte ich mich auf den Weg nach dort hin.
Nirgends war er zu sehen noch zu riechen. So bummelte ich durch die Landschaft und konnte mich dieserhalb in aller Ruhe all den höchst interessanten Duftmarken hingeben, ohne dass sein ungeduldiger Ruf erschall: "Komm, komm!"
Das schönste Schnüffeln ist das nach dem Geruch heißer Hündinnen. Absolute, unwiderstehliche Riechintensität stellen dar, deren Ambramuschusmarkentropfen die ihrer Heissheit entweichen, um überall herumhängend zu wirken, was meine Lefzen geil triefen lässt, und zwischen meinen Hinterschenkeln Hartes entwickelt.
Als ich von Freund zu Freund mit meinem Alphagrauen darüber sprach, entgegnete der mir: "Das ist bei uns Menschen fast genau so. Nur unsere Wölfinnen erfanden die Kunst der "Desodorierung" mittels der teuren Mittel der Kosmetikindustrie. Vormals hatten sie ihren lockenden Duftstoff, - wie ihr - zwischen den Beinen, doch heute bedienen sie sich eines Parfüms, das mehr anlenkt als zulenkt. Auch bedienen sie sich künstlicher Farben, die sie sich in ihr Antlitz schmieren, um noch schöner als natürlich schön zu erscheinen. Das und Geruchlosigkeit ist ihr Mittel, um Maskuline zu verlocken, ihren femininen Blütenkelch bestäubend zu stempeln. Hat dann diese Insgesamt-Mimikry es über Nacht geschafft, mehr oder weniger orgiastisch, ein Bett zum Schlachtfeld unentschiedenen Kriegs zwischen letztlich unbefriedigten Heterosexuellen zu entwickeln, so ist die Öffnung des Nachtvorhangs zur wahrheitlichen Morgensonne, geradezu vernichtend - was zumindest die Abgeschminktheit anbelangt."
Wen, unter diesen Prämissen, kann es da noch wundern, wenn Zeugung mehr unter Fun und Zufall sich einstuft, als weniger unter bewusster. Wie entspannende Zärtlichkeit, damit einhergehend, natürlicher Orgasmus zwischen den Geschlechtern kaum noch erzielt wird, und heimliche Masturbation das probate Mittel der sexuell Frustrierten ist. Wie sich auch umwandelt das Heterosexuelle zu egoistischer Schwulität beider Geschlechter, die natürliche Fortpflanzung blockiert, zu Gunsten Immigrierter, die wahrlich nicht in der Lage sind, dekadent gewordenes "Teutschvolk" demoskopisch bereichernd aufzufüllen. Singles mögen gegenseitig vögeln oder ficken als Fun, und das als Vorübung für bewusste Zeugung sehen, doch damit hat's sich und sie vereinzeln sich, statt sich zu reproduzieren.
Er meinte dann noch, dass die Menschheit kaum noch die nächsten einhundert Jahre überleben würde. Da fragte ich ihn erstaunt darüber, weshalb er so denke? Er antwortete: weil ihre Vernunft noch zu sehr vom Animalischen überdeckt würde, und was nicht aus dem käme, sondern pur menschlich ist, wären ihre negativen Eigenschaften wie: erschreckende Gefühlskälte, unvorstellbare Grausamkeit, Skrupellosigkeit, Brutalität, Aggression, Egoismus, mangelnde Zivilcourage und Berechnung. Dazu kämen noch allgemeine Unaufgeklärtheit, breiter Bildungsmangel und die obsessive, milliardenteure Produktion von Massenvernichtungswaffen, während 60 Prozent der Weltbevölkerung vom Hungertod bedroht wäre. Sie plünderten sehr effektiv die Ressourcen ihres Planeten, und dächten nicht an das Danach. Und dieser hochexplosive Gesamtmix hätte zukünftig noch weitere Potenz. Dazu hätte Lautréamont in seinem Buch "Die Gesänge des Maldoror" (Vergolder des Bösen) im zweiten Gesang, ab Zeile 14, gesagt: "...Er (der Mensch) hatte zu allen Zeiten geglaubt, (...,) er bestünde nur aus Gutem und einer winzigen Menge Bösem. Plötzlich lehrte ich (Maldoror) ihn, (...,) Dass er, im Gegenteil, nur aus Bösem und einer winzigen Menge Gutem bestünde, welches die Gesetzgeber mit Mühe vor dem Verdunsten retten..."

So sprach mein alter Grauer zu mir verbittert. -
Oh, meine Göttin Canilup, wie dunkel sieht der das! - Es gibt doch auch einige Lichtblicke!

Da versteh' ich domestizierter, rüder Rüde doch gar nichts davon. Immerhin bin ich evolutionär - instinktgelenkt dazu beauftragt, immerfort über dem Rücken heißer Hündinnen zu zeugen - antrieblich ihres Urgeruchs. Entgegen verkümmerter menschlicher Zuchtwahl, die sich nur noch auf geruchlose Fetischismen beschränkt, statt auf realistische Einschätzung, werde ich Wolf immer noch klar darauf achten, dass sich unsereins nicht auf eine Rehpinscherin begibt, nicht ein Schwan auf eine Ente, noch ein Afghane auf eine Möpsin, sondern dass Alphas mit Alphas sich zusammenfinden, um den überflüssigen Plebs evolutionär zu überwinden.

Alterchen nuschelte noch was von: Nietzsches "Wille zur Macht", Marx "Kritik der politischen Ökonomie" oder Schillers "Ode an die Freude", die Beethoven so anrührend vertont hätte. - Gleichsam missbraucht von allen Potentaten bis heute, die allein von Egoismen angetrieben würden. In philosophischer Auslegung wäre Lüge gestattet und Mittel zum Zweck. Doch endlich dürfte die sich in ihrer Existenz nicht dazu berufen glauben, unter Gläubigen und Gutwilligen ein seelisch-ethisches Desaster anzurichten, denn dieses hehre Völkchen wäre stärker als jede Lüge. Ganz zuletzt las er mir was von einem Rolf Hochhuth aus dessen Essay vor, in dem er gesagt hätte: "Die Dummheit der Menschen wechselt nur ihre Erscheinungsform, bleibt aber in ihrer Summe konstant."

Und wenn jegliche liebende Seelen sich in der Weltseele wiederfinden könnten, dann werden sie sich in ihr auch irgendwie begegnen - sei's auch nur in flüchtiger Ahnung im vorüberwehenden Hauch.